Leseprobe Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4
TIBBETS BACH
319 Nach der Rückkehr
Nachwirkungen
Das große Horn dröhnte.
Arlen hielt in seiner Arbeit inne, hob den Kopf und blickte auf den zart lavendelfarbenen Morgenhimmel. Nebelschwaden hingen noch in der Luft und brachten einen feuchten, beißenden Geruch mit sich, der dem Jungen nur allzu vertraut war. Eine dumpfe Furcht breitete sich in seinen Eingeweiden aus, während er regungslos in der morgendlichen Stille stand und angespannt wartete, noch voller Hoffnung, er habe sich den Klang des Horns nur eingebildet. Arlen war elf Jahre alt.
Nach einer Pause erscholl das Horn noch zweimal rasch hintereinander. Ein langer Ton gefolgt von zwei kurzen Stößen, das bedeutete Süden und Osten. Die Holzfällerhütten, der Weiler in der Nähe des Waldes. Sein Vater hatte Freunde dort. Hinter Arlen ging die Haustür auf, und er wusste, dass seine Mutter mit vor dem Mund zusammengeschlagenen Händen hinausspähte.
Arlen kehrte an seine Arbeit zurück; man brauchte ihm nicht zu sagen, dass er sich sputen musste. Manche Aufgaben ließen sich ein, zwei Tage aufschieben, aber das Vieh musste gefüttert und die Kühe obendrein gemolken werden. Er ließ die Tiere in den Ställen und stopfte die Raufen mit Heu voll. Hastig füllte er die Schweinetröge und hetzte dann los, um einen hölzernen Melkeimer zu holen. Seine Mutter hockte bereits unter der ersten Kuh und bearbeitete geschickt deren Euter. Arlen schnappte sich den zweiten Melkschemel und passte sich dem Rhythmus der Mutter an; das Geräusch der auf das Holz prasselnden Milch glich einem getrommelten Trauermarsch.
Als sie sich anschickten, die beiden nächsten Kühe in der Reihe zu melken, sah Arlen seinen Vater, der dabei war, ihr kräftigstes Pferd, eine fünf Jahre alte Fuchsstute namens Missy, vor den Karren zu spannen. Mit grimmiger Miene ging er seinen Verrichtungen nach.
Was würden sie dieses Mal vorfinden?
Bald saßen sie in dem Fuhrwerk und rumpelten in Richtung der kleinen Ansammlung von Häusern, die sich dicht an den Waldessaum schmiegte. Es war gefährlich dort – wenn man das nächste geschützte Gebäude erreichen wollte, musste man über eine Stunde lang rennen –, doch das Holz wurde dringend gebraucht. Arlens Mutter, die sich in ihr abgewetztes Umhängetuch gehüllt hatte, drückte ihren Sohn während der ganzen Fahrt fest an sich.
»Ich bin schon groß, Mam«, beschwerte sich Arlen. »Du musst mich nicht im Arm halten wie ein Baby. Ich habe keine Angst.« Das entsprach zwar nicht völlig der Wahrheit, aber er wollte nicht, dass die anderen Kinder ihn sähen, wie er sich an seine Mutter klammerte, wenn sie ankamen. Sie machten sich ohnehin schon genug über ihn lustig.
»Aber ich fürchte mich«, entgegnete seine Mutter. »Was ist, wenn ich diejenige bin, die Halt und Trost sucht?«
Arlen spürte eine Aufwallung von Stolz und kuschelte sich wieder eng an seine Mutter heran, während sie die Straße entlangholperten. Sie konnte ihn niemals täuschen, trotzdem fand sie in jeder Situation genau die richtigen Worte.
Lange bevor sie ihr Ziel erreichten, verriet ihnen eine Säule aus fettigem Qualm mehr, als sie wissen wollten. Man verbrannte die Toten. Und wenn man die Scheiterhaufen so früh anzündete, ohne auf die Ankunft der anderen zu warten, um gemeinsam zu beten, hieß das, dass es sehr viele Opfer gegeben hatte. Sie waren zu zahlreich, um für jeden einzelnen Toten ein Gebet zu sprechen, wenn man mit der Bestattung vor Anbruch der Dunkelheit fertig sein wollte.
Von dem Hof, der Arlens Vater gehörte, bis zu den Holzfällerhütten waren es über fünf Meilen. Als sie endlich eintrafen, waren die Löscharbeiten an den letzten brennenden Gebäuden beendet, obwohl es im Grunde gar nichts mehr zu retten gab. Von fünfzehn Häusern war nur noch Schutt und Asche übrig.
»Die Holzstapel sind auch verbrannt«, erklärte Arlens Vater und spuckte über die Seitenwand des Karrens. Mit dem Kinn deutete er auf die geschwärzten Trümmer, die von der Ausbeute einer ganzen Saison zurückgeblieben waren. Arlen zog eine Grimasse bei der Vorstellung, dass der morsche Zaun, der den Viehpferch eingrenzte, noch ein ganzes Jahr lang halten musste, und sofort plagten ihn Gewissensbisse. Schließlich war es nur Holz, das zu Schaden gekommen war.
Die Dorfsprecherin näherte sich ihrem Karren, als sie zum Stehen kamen. Selia, die Arlens Mutter manchmal Selia die Unfruchtbare nannte, war eine hartgesottene Frau, hochgewachsen und hager, mit einer Haut wie gegerbtes Leder. Das lange graue Haar war zu einem straffen Knoten gezwirbelt, und ihr Umschlagtuch trug sie wie ein Statussymbol, das ihr Amt kennzeichnete. Mit ihr war nicht gut Kirschen essen, wie Arlen mehr als einmal erfahren hatte, wenn sie mit dem Stock auf ihn eindrosch, doch heute empfand er ihre Anwesenheit als tröstlich. Mit Selia ging es ihm wie mit seinem Vater – bei beiden fühlte er sich sicher und geborgen.
Obwohl Selia keine eigenen Kinder hatte, verhielt sie sich jedem Einwohner von Tibbets Bach gegenüber wie eine Mutter. Nur wenige reichten an ihre Weisheit heran, und ihre Sturheit war nahezu unübertroffen. Wenn Selia einem wohlgesonnen war, dann konnte einem nicht mehr viel passieren.
»Gut, dass du gekommen bist, Jeph«, wandte sich Selia an Arlens Vater. »Und es ist schön, dass du Silvy und den jungen Arlen mitgebracht hast«, fuhr sie fort, mit dem Kinn auf Arlen und seine Mutter deutend. »Wir können jede Unterstützung gebrauchen. Sogar der Junge kann helfen.«
Arlens Vater gab einen Grunzlaut von sich und kletterte von dem Fuhrwerk herunter. »Ich habe mein Werkzeug dabei«, erklärte er. »Sag mir nur, wo wir mit anpacken können.«
Arlen klaubte das kostbare Werkzeug von der hinteren Ladefläche des Karrens. Gegenstände aus Metall gab es in Tibbets Bach kaum, und sein Vater war stolz auf seine beiden Schaufeln, die Spitzhacke und die Säge. Heute würde jedes einzelne Stück stark beansprucht werden.
»Wie viele Tote gab es?«, erkundigte sich Jeph, obwohl es schien, als wolle er es lieber nicht wissen.
»Siebenundzwanzig«, antwortete Selia. Silvy stieß einen erstickten Schrei aus und schlug die Hände vor den Mund; in ihren Augen standen Tränen. Jeph spuckte abermals aus.
»Hat jemand überlebt?«, fragte er.
»Einige schon«, entgegnete Selia. »Manie«, mit ihrem Stock zeigte sie auf einen Jungen, der dastand und den Scheiterhaufen anstarrte, »ist im Dunkeln den ganzen Weg bis zu meinem Haus gerannt.«
Silvy schnappte nach Luft. Noch nie war jemand so weit gelaufen und mit dem Leben davongekommen. »Die Siegel am Haus von Brine Holzfäller haben den größten Teil der Nacht gehalten«, fuhr Selia fort. »Er und seine Familie konnten alles beobachten. Ein paar Leute entkamen den Horclingen und retteten sich in Brines Hütte, bis die Flammen sich ausbreiteten und auf das Dach übersprangen. Sie harrten so lange in dem brennenden Gebäude aus, bis die Balken anfingen zu bersten, und wenige Minuten vor der Morgendämmerung mussten sie ins Freie flüchten. Die Horclinge töteten Brines Frau Meena und seinen Sohn Poul, doch die anderen haben es geschafft. Ihre Verbrennungen werden heilen, und mit der Zeit werden sich die Kinder von dem Schrecken und den Blessuren erholen. Aber trotzdem …«
Sie brauchte den Satz nicht zu beenden. Selbst wenn jemand einen Dämonenangriff im Wesentlichen unbeschadet überlebte, so war er noch lange nicht über den Berg. Diese Opfer siechten dahin, auch wenn man sich noch so sehr um sie bemühte. Nicht alle, ja, nicht einmal die meisten starben, aber es kam immer wieder vor. Einige brachten sich um, andere hockten oder lagen völlig unbeteiligt da und starrten ins Leere; sie verweigerten so lange jede Nahrung und jedes Getränk, bis sie still und leise in den Tod hinüberdämmerten. Man sagte, einen Dämonenangriff habe man erst dann wirklich überstanden, wenn ein Jahr und ein Tag vergangen seien.
»Ein Dutzend Personen werden noch vermisst«, erklärte Selia, aber in ihrer Stimme schwang nur wenig Hoffnung mit.
»Ich vermute, wir werden sie aus den Trümmern ausgraben«, meinte Jeph bitter und blickte auf die eingestürzten Hütten, aus denen immer noch Rauch aufstieg. Die Holzfäller bauten ihre Häuser meistens aus Stein, um sie gegen Feuer zu schützen, doch selbst Stein konnte brennen, wenn die Schutzsiegel versagten und genügend Flammendämonen sich an einem Ort zusammenrotteten.
Jeph begab sich zu einer Gruppe von Männern, die unterstützt wurden von ein paar kräftigen Frauen, und half, die verkohlten Trümmer wegzuräumen und die Toten zum Scheiterhaufen zu karren. Natürlich musste man die Leichen verbrennen. Kein Mensch wollte in dem Boden begraben werden, aus dem die Dämonen Nacht für Nacht herauskrochen. Harral, der Fürsorger, der die Ärmel seiner Robe bis zu den feisten Oberarmen aufgekrempelt hatte, hob selbst jedes einzelne Opfer in das Feuer hinein, murmelte Gebete und zeichnete Schutzsiegel in die Luft, während die Flammen die Toten verzehrten.
Silvy ging zu den anderen Frauen, die sich um die kleineren Kinder kümmerten und unter den wachsamen Augen der Kräutersammlerin von Tibbets Bach, der Schmucken Coline, die Verwundeten versorgten. Doch kein Kraut vermochte die Schmerzen der Überlebenden zu lindern. Brine der Holzfäller, der auch Brine der Breite genannt wurde, war ein wahrer Hüne, ein Mann wie ein Bär, der gern und schallend lachte und Arlen immer in die Luft warf, wenn sie zu ihm kamen, um Holz einzuhandeln. Nun kauerte Brine in der Asche seines niedergebrannten Hauses und rammte seinen Kopf immer wieder langsam gegen die geschwärzte Wand, während er unverständliches Zeug brabbelte und die Arme um sich schlang, als würde er frieren.
Arlen und die übrigen Kinder bekamen den Auftrag, Wasser herbeizuschleppen und die Holzstapel nach verwertbarem Material zu durchwühlen. In diesem Jahr konnte man noch mit ein paar warmen Monaten rechnen, aber die Zeit reichte auf gar keinen Fall mehr aus, um genügend Holz für den gesamten Winter zu schlagen. Also mussten sie wieder einmal Dung verbrennen, und der Gestank würde das ganze Haus verpesten.
Abermals wurde Arlen von Schuldgefühlen übermannt. Er lag nicht auf dem Scheiterhaufen, noch schlug er im Schock seinen Kopf gegen eine Wand, vor lauter Verzweiflung, weil er alles verloren hatte. Es gab schlimmere Schicksale als in einem Haus zu wohnen, in dem es nach Mist roch.
Im Laufe des Vormittags trafen immer mehr Dorfbewohner ein. Sie brachten ihre Familien mit und die Vorräte, die sie entbehren konnten. Aus sämtlichen umliegenden Flecken, die die aus mehreren Dörfern bestehende Gemeinde ausmachten, kamen sie angereist – aus Fischweiher und Stadtplatz, aus Torfhügel und Sumpfland. Einige hatten sogar den langen Weg von Südwache auf sich genommen. Selia begrüßte jeden einzelnen der Neuankömmlinge mit einer knappen Schilderung der entsetzlichen Vorkommnisse und teilte sie zur Arbeit ein.
Mit mehr als fünfzig Paar Händen, die kräftig zupacken konnten, verdoppelten die Männer ihre Anstrengungen. Eine Hälfte der Gruppe fuhr fort, in den Trümmern zu graben, während die anderen sich dem einzigen Gebäude im Weiler zuwandten, das sich noch zu retten lohnte: dem Haus von Brine dem Holzfäller. Selia führte Brine aus der Ruine heraus; irgendwie schaffte sie es, den riesenhaften Mann zu stützen, während er wie betäubt vorwärtsstolperte. Unterdessen räumten die Männer den Schutt beiseite und begannen damit, neue Steine heranzuwuchten. Ein paar holten ihre Zeichenausrüstung und fingen an, frische Schutzsiegel zu malen, derweil Kinder Binsenbüschel für das Dach flochten. Vor Einbruch der Nacht würde das Haus wieder instandgesetzt sein.
Arlen wurde Cobie Fischer zugewiesen, um mit ihm gemeinsam Holz zu schleppen. Die Kinder hatten einen beachtlichen Teil aus dem verbrannten Stapel geborgen, obwohl es nur ein Bruchteil der Menge war, die das Feuer verschlungen hatte. Cobie war ein großer, massiger Junge mit schwarzen Locken und dicht behaarten Armen. Bei den meisten Kindern war er beliebt, aber seine Beliebtheit errang er sich auf Kosten anderer. Nur wenige Kinder hatten den Mumm, sich seinen Beleidigungen auszusetzen, und noch weniger waren erpicht darauf, sich von ihm verprügeln zu lassen.
Schon seit Jahren wurde Arlen von Cobie gepiesackt, und die anderen Kinder machten mit. Jephs Hof war das am nördlichsten gelegene Anwesen in Tibbets Bach, und bis zum Weiler Stadtplatz, wo die Kinder sich zu treffen pflegten, musste man ein gutes Stück laufen; deshalb verbrachte Arlen den größten Teil seiner freien Zeit damit, allein am Bach entlangzuwandern. Den meisten Kindern erschien es nur recht und billig, ihn Cobies Wüten zu überlassen.
Jedes Mal, wenn Arlen zum Angeln ging oder auf dem Weg nach Stadtplatz am Fischweiher vorbeikam, schienen Cobie und seine Spießgesellen davon zu wissen. Mitunter riefen sie ihm nur Schimpfworte hinterher oder schubsten ihn herum, doch gelegentlich kam er auch blutend und mit blauen Flecken übersät nach Hause, und seine Mutter schalt ihn nach Strich und Faden aus, weil er sich mit den anderen geprügelt hatte.
Doch dann kam der Augenblick, als Arlen genug hatte und sich nichts mehr gefallen lassen wollte. An dem Platz, an dem Cobie ihm mitsamt seinen Kumpanen aufzulauern pflegte, versteckte er einen dicken Knüppel. Als die Jungen ihn das nächste Mal verfolgten, tat Arlen so, als würde er davonlaufen, um dann wie aus heiterem Himmel kehrtzumachen und der Bande eine Waffe schwingend entgegenzustürmen.
Cobie bekam den ersten Schlag ab, einen wuchtigen Hieb, der ihn zu Boden gehen ließ; dort wälzte er sich weinend im Staub, und aus einem Ohr sickerte Blut. Willum holte sich einen gebrochenen Finger, und Gart humpelte über eine Woche lang. Diese Tat trug nicht dazu bei, Arlens Beliebtheit bei den anderen Kindern zu steigern, und sein Vater versohlte ihn mit einem Stock, doch seitdem hatte ihn niemand mehr belästigt. Selbst jetzt machte Cobie einen möglichst großen Bogen um ihn und zuckte jedes Mal zusammen, wenn Arlen eine hastige Bewegung machte, obwohl er wesentlich größer und stärker war als er.
»Überlebende!«, schrie Bil Bäcker plötzlich, der vor einem zusammengebrochenen Haus am Rand der Siedlung stand. »Ich kann sie hören, sie sind im Wurzelkeller eingeschlossen!«
Sofort ließen die Leute alles stehen und liegen und stürzten zu Bil. Den Schutt wegzuräumen würde zu lange dauern, deshalb fingen die Männer wie fieberhaft an zu graben; stumm und verbissen gingen sie zu Werke. Schon bald durchstießen sie eine Seite der Kellerwand und fingen an, die Überlebenden aus der Öffnung herauszuziehen. Die Leute waren völlig verdreckt und verängstigt, aber sie lebten. Nacheinander beförderte man drei Frauen, sechs Kinder und einen Mann ins Freie.
»Onkel Cholie!«, rief Arlen, und schon eilte seine Mutter herbei. Sie schlang die Arme um ihren Bruder, der wie trunken torkelte. Arlen hastete zu Hilfe und schob seine Schulter unter Cholies andere Achselhöhle, um ihn zu stützen.
»Cholie, was machst du denn hier?«, staunte Silvy. Cholie verließ nur selten seine Werkstatt, die er im Weiler Stadtplatz betrieb. Mindestens tausendmal hatte Arlens Mutter die Geschichte erzählt, wie sie und ihr Bruder gemeinsam die Hufschmiede betrieben hatten, ehe Jeph anfing, absichtlich die Hufeisen seiner Pferde zu zerbrechen, um einen Vorwand zu haben, die Schmiede aufzusuchen und um Silvy zu werben.
»Ich kam hierher, um Ana Holzfäller den Hof zu machen«, nuschelte Cholie. Er zerrte an seinem Haar, von dem er sich bereits ganze Büschel ausgerissen hatte. »Wir hatten gerade das Fluchtloch geöffnet, als sie die Siegel durchbrachen …« Die Beine gaben unter ihm nach, und mit seinem Gewicht zog er Arlen und Silvy zu Boden. Im Dreck kniend, fing er bitterlich an zu weinen.
Arlen warf einen Blick auf die anderen Überlebenden. Ana Holzfäller war nicht bei ihnen. Seine Kehle schnürte sich schmerzhaft zusammen, als die Kinder an ihm vorbeischlichen. Er kannte sie alle, ihre Familien, ihre Häuser innen wie außen, wusste sogar die Namen ihrer Tiere. Im Vorbeischlurfen blickten sie ihn flüchtig an, und in diesen Sekunden durchlebte er den Angriff, als hätte er ihn selbst mitgemacht und durch ihre Augen gesehen. Er glaubte zu spüren, wie er in ein enges Loch im Fußboden gestoßen wurde, während diejenigen, die nicht mehr hineinpassten, den Horclingen und dem Feuer ausgeliefert waren. Plötzlich fing er an nach Luft zu schnappen und konnte gar nicht mehr aufhören, bis Jeph ihm ein paar kräftige Schläge auf den Rücken versetzte und er wieder zu Sinnen kam.

Sie beendeten gerade eine kalte Mittagsmahlzeit, als vom anderen Bachufer ein Hornsignal ertönte.
»Doch nicht der zweite Angriff in zwei Tagen?«, keuchte Silvy und hielt sich erschrocken die Hände vor den Mund.
»Bah!«, knurrte Selia. »Um die Mittagsstunde? Benutze deinen Verstand, Mädchen!«
»Aber was könnte …?«
Selia schenkte ihr keine Beachtung, sondern stand auf, um einen Hornbläser zu suchen, der das Signal erwiderte. Keven aus dem Dorf Sumpfland hielt sein Horn bereit, wie es bei den Bewohnern der Feuchtgebiete üblich war. In den Marschen konnte man sich leicht verirren, und keiner wollte im Freien sein, wenn die Sumpfdämonen aus dem morastigen Boden aufstiegen. Kevens Backen blähten sich auf wie der Kehlsack eines Frosches, als er eine Folge von Tönen schmetterte.
»Das war das Horn eines Kuriers«, erklärte Coran aus dem Weiler Sumpfland der atemlos lauschenden Silvy. Der alte Graubart war Sprecher für die Bevölkerung der Marschen und Kevens Vater. »Wahrscheinlich haben sie den Rauch gesehen. Keven teilt ihnen mit, was passiert ist und wo sie uns finden.«
»Ein Kurier im Frühling?«, wunderte sich Arlen. »Ich dachte, sie kämen im Herbst, nach der Ernte. Mit der Aussaat sind wir doch erst beim letzten Mond fertig geworden!«
»Im vergangenen Herbst kam überhaupt kein Kurier zu uns«, klärte Coran ihn auf und spuckte durch seine Zahnlücke einen schaumigen braunen Saft aus, der von der Wurzel stammte, auf der er gerade genüsslich herumkaute. »Wir hatten uns schon Sorgen gemacht, ihm könnte was zugestoßen sein. Dachten, wir müssten bis zum nächsten Herbst auf die Salzlieferung warten. Oder dass die Horclinge die Freien Städte eingenommen hätten und wir total abgeschnitten wären.«
»Die Horclinge könnten niemals die Freien Städte einnehmen«, behauptete Arlen.
»Arlen, halt den Mund!«, zischte Silvy. »Einem Ältesten gibt man keine Widerworte!«
»Lass den Jungen ruhig aussprechen«, meinte Coran. »Warst du jemals in einer Freien Stadt?«, wandte er sich dann wieder an Arlen.
»Nein«, gab der Junge zu.
»Kennst du jemanden, der eine der Freien Städte aufgesucht hat?«
»Nein«, musste Arlen einräumen.
»Und was macht dich dann zu solch einem Experten?«, fragte Coran. »Außer den Kurieren war noch niemand dort. Sie sind die Einzigen, die so weit kommen, weil sie den Mut aufbringen, der Nacht zu trotzen. Wer sagt dir, dass die Freien Städte nicht genauso sind wie zum Beispiel deine Heimat Tibbets Bach? Wenn die Horclinge uns kriegen, dann können sie in den Freien Städten denselben Schaden anrichten.«
»Der alte Vielfraß stammt aus einer der Freien Städte«, warf Arlen ein. Rusco Vielfraß war der reichste Mann in Tibbets Bach. Er besaß den Gemischtwarenladen, der das allgemeine Handelszentrum im ganzen Weiler darstellte.
»Ay«, gab Coran ihm Recht, »und vor Jahren erzählte der alte Vielfraß mir, dass eine einzige Reise ihm gereicht hätte. Eigentlich hatte er vor, nach ein paar Jahren zurückzukehren, aber er fand, das Risiko sei zu groß. Du kannst ihn ja fragen, ob die Freien Städte sicherer sind als andere Orte.«
Arlen wollte es nicht glauben. Es musste einfach sichere Plätze in der Welt geben. Doch wieder zuckte das Bild, wie er in das schmale Kellerloch geworfen wurde, durch seinen Kopf, und er wusste, dass es in der Nacht nirgendwo einen zuverlässigen Schutz gab.
Eine Stunde später traf der Kurier ein. Er war ein groß gewachsener Mann von Anfang dreißig, mit kurz getrimmtem braunem Haar und einem kurzen, dichten Bart. Seine breiten Schultern schützte ein Hemd aus Metallgliedern, und er trug einen langen, dunklen Mantel; dazu Kniehosen aus derbem Leder und Stiefel. Die braune Stute, die er ritt, war ein eleganter, schlanker Renner. Am Sattel war ein Köcher befestigt, in dem eine Anzahl verschiedener Speere steckte. Die Miene des Mannes wirkte grimmig, als er näher kam, doch er trug den Kopf hoch und seine ganze Haltung drückte Stolz aus. Suchend wanderte sein Blick über die versammelten Menschen, und im Nu entdeckte er die Dorfsprecherin, die dastand und Anweisungen erteilte. Er ritt in ihre Richtung.
Ein paar Meter hinter ihm hockte auf einem schwer beladenen Karren, der von zwei dunkelbraunen Maultieren gezogen wurde, der Jongleur. Seine Kleidung bestand aus grellbunten Flicken, und neben ihm auf der Sitzbank lag eine Laute. Sein Haar war von einer Farbe, die Arlen noch nie zuvor gesehen hatte, sie erinnerte an eine helle Möhre, und seine Haut war so blass als hätte sie noch nie ein Sonnenstrahl berührt. Seine Schultern hingen herab und er sah völlig erschöpft aus.
Der alljährlich eintreffende Kurier brachte immer einen Jongleur mit. Die Kinder und auch ein paar der Erwachsenen hielten den Jongleur für die wichtigere der beiden Personen. So lange Arlen zurückdenken konnte, war es immer derselbe Mann gewesen, grauhaarig, aber lebhaft und voller Humor. Dieser jedoch war jünger und machte einen griesgrämigen Eindruck. Die Kinder rannten sofort zu ihm hin, und der junge Jongleur wurde plötzlich munter. Seine mürrische Miene verflog so schnell, dass Arlen sich beinahe fragte, ob er sich nicht verguckt hatte. Geschwind wie der Blitz sprang der Jongleur vom Karren und wirbelte unter den begeisterten Zurufen der Kinder seine bunten Bälle durch die Luft.
Andere Leute, Arlen eingeschlossen, vergaßen ihre Pflichten und schlenderten zu den Neuankömmlingen hin. Doch sie hatten ihre Rechnung ohne Selia gemacht, die zu ihnen stürmte und sie anschnauzte: »Der Tag wird nicht länger, nur weil der Kurier gekommen ist! Zurück an eure Arbeit!«
Manch einer murrte, doch alle gehorchten dem Befehl. »Du nicht, Arlen«, pfiff Selia ihn zurück, als er sich dem Trüppchen anschließen wollte. »Komm hierher!« Arlen riss sich vom Anblick des Jongleurs los und trabte zur Dorfsprecherin, vor der der Kurier gerade sein Pferd zügelte.
»Bist du Selia die Unfruchtbare?«, fragte der Kurier.
»Nenn mich einfach Selia. Das genügt«, erwiderte sie gereizt. Die Augen des Kuriers weiteten sich, und er wurde rot. Arlen konnte zusehen, wie ihm das Blut in die blassen Wangen schoss. Er schwang sich aus dem Sattel und verbeugte sich tief vor der Frau.
»Ich bitte vielmals um Vergebung«, entschuldigte er sich. »Es war gedankenlos von mir. Aber Graig, der Kurier, der euch früher aufsuchte, sagte mir, so würdest du genannt.«
»Es freut mich zu erfahren, wie Graig nach so vielen Jahren unserer Bekanntschaft über mich denkt«, entgegnete Selia, die alles andere als erfreut klang.
»Gedacht hat«, berichtigte der Kurier. »Graig ist tot, werte Dame.«
»Tot?«, wiederholte Selia und blickte betroffen drein. »Was ist …?«
Der Kurier schüttelte den Kopf. »Eine Erkältung raffte ihn dahin, nicht die Horclinge. Ich bin Ragen, euer Kurier für dieses Jahr, aus Gefälligkeit seiner Witwe gegenüber. Die Gilde wird für euch einen neuen Kurier aussuchen, der dann im nächsten Herbst hier eintrifft.«
»Was, wir sollen anderthalb Jahre warten, bis der nächste Kurier kommt?«, fragte Selia in einem Tonfall, als hielte sie dem Mann eine Strafpredigt. »Wir haben es ohne das Herbstsalz fast nicht über den vergangenen Winter geschafft«, legte sie nach. »Ich weiß, dass bei euch in Miln Salz eine Selbstverständlichkeit ist, aber die Hälfte unserer Fleisch- und Fischvorräte ist verdorben, weil wir sie nicht richtig pökeln konnten. Und was ist mit unseren Briefen?«
»Es tut mir leid, Gnädigste«, erwiderte Ragen. »Aber eure Siedlungen liegen weitab der üblichen Straßen, und einen Kurier dafür zu bezahlen, dass er alljährlich einen Monat lang oder gar noch länger zu euch unterwegs ist, kommt teuer. Der Gilde der Kuriere fehlt es ohnehin an Leuten, und jetzt hat Graig uns auch noch im Stich gelassen.« Er gluckste in sich hinein und schüttelte den Kopf, doch ihm entging nicht, dass Selias Miene sich verfinsterte.
»Nichts für ungut, verehrte Frau«, wiegelte Ragen ab. »Graig war auch mein Freund. Es ist nur so … wie soll ich mich ausdrücken? Nun ja, nicht vielen von uns Kurieren ist es vergönnt, irgendwann einmal ein sicheres Dach über dem Kopf, ein weiches Bett unter dem Rücken und ein junges Weib an unserer Seite zu haben. Meistens holt uns die Nacht, ehe wir uns zur Ruhe setzen können, verstehst du?«
»Ja, ich verstehe«, antwortete Selia. »Hast du daheim ein Weib, Ragen?«
»Ay«, erklärte der Kurier, »doch sehr zu ihrem Vergnügen und meinem Verdruss sehe ich meine Stute öfter als meine Gemahlin.« Er lachte und stürzte Arlen dadurch in große Verwirrung; der Junge wusste nicht, was daran so komisch sein sollte, wenn die eigene Frau einen nicht vermisste.
Selia ging nicht auf Ragens Bemerkung ein. »Stell dir vor, du könntest dein Weib überhaupt nicht sehen«, legte sie los. »Stell dir vor, die einzige Verbindung zu ihr wären Briefe, die einmal im Jahr eintrudeln? Wie würdest du es finden, wenn man dir sagte, diese Briefe kämen erst mit einem halben Jahr Verzögerung? In dieser Gemeinde wohnen Menschen, deren Verwandte in den Freien Städten leben. Sie kamen mit irgendeinem Kurier hierher, und in manchen Fällen sind seitdem schon zwei Generationen vergangen. Diese Leute werden nie mehr in ihr altes Zuhause oder in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren. Die einzige Verbindung zu ihren Familien stellen die Briefe dar. Nur so erfahren die Daheimgebliebenen, wie es den Auswanderern ergangen ist, und die Hiesigen erhalten Kenntnis davon, wie es dem Rest der Familie geht.«
»Ich stimme dir aus vollem Herzen zu, gute Frau«, pflichtete Ragen ihr bei, »aber die Entscheidung über die Entsendung von Kurieren liegt nicht bei mir. Der Herzog …«
»Aber nach deiner Rückkehr wirst du doch mit dem Herzog sprechen, oder?«, schnitt Selia ihm das Wort ab.
»Ja, das werde ich«, bekräftigte er.
»Soll ich dir eine schriftliche Botschaft mitgeben?«, wollte Selia wissen.
Ragen lächelte. »Ich denke, ich kann auch so behalten, was du mir gerade gesagt hast.«
»Das möchte ich dir auch geraten haben.«
Ragen verbeugte sich abermals, dieses Mal noch tiefer. »Ich bitte um Vergebung, weil ich an einem so düsteren Tag gekommen bin«, wechselte er das Thema und fasste den Scheiterhaufen ins Auge.
»Wir können weder dem Regen noch dem Wind noch der Kälte befehlen, wann sie genehm sind und wann nicht«, beschied ihm Selia. »Und auch den Horclingen gegenüber sind wir machtlos. Also muss das Leben auch nach einer Katastrophe weitergehen.«
»Gewiss, das Leben geht weiter«, pflichtete Ragen ihr bei. »Aber wenn ich oder mein Jongleur irgendetwas für euch tun können, so gebt uns Bescheid. Ich bin kräftig, und ich habe schon oft Verletzungen durch Horclinge behandelt.«
»Dein Jongleur hilft uns bereits«, erklärte Selia und deutete mit einem Kopfnicken auf den jungen Mann, der Lieder sang und allerlei Tricks vollführte. »Er sorgt für Zerstreuung und lenkt die Kinder von dem Elend ab, während die Älteren arbeiten. Und was dich betrifft, Ragen … nun, während der nächsten paar Tage habe ich alle Hände voll zu tun, wenn wir uns von dieser Heimsuchung erholen wollen. Ich werde nicht die Zeit haben, um die Briefe zu verteilen und denjenigen, die das Alphabet nicht gelernt haben, den Inhalt vorzulesen.«
»Das Vorlesen kann ich übernehmen, werte Dame«, erbot sich Ragen, »aber um die Briefe abzuliefern, kenne ich euren Sprengel zu wenig.«
»Wir brauchen weder beim Vorlesen noch beim Verteilen der Post deine Hilfe«, erwiderte Selia, während sie gleichzeitig Arlen nach vorn schob. »Arlen wird dich zum Gemischtwarenladen im Weiler Stadtplatz bringen. Wenn du dort das Salz ablieferst, gibst du die Briefe und Päckchen an Rusco Vielfraß weiter. Die meisten Leute aus dieser Gegend werden angerannt kommen, um sich mit Salz einzudecken, und Rusco gehört zu den wenigen im Sprengel, die schreiben, lesen und rechnen können. Der alte Ganove wird sich beklagen und auf Bezahlung bestehen, aber du sagst ihm, dass in Zeiten der Not die ganze Gemeinde zusammenhalten muss. Sag ihm, er soll die Briefe austeilen und den Inhalt vorlesen, wenn der Empfänger selbst dazu nicht in der Lage ist. Falls er sich stur stellt, richtest du ihm von mir aus, ich würde keinen Finger krümmen um ihn zu retten, wenn man ihm das nächste Mal eine Schlinge um den Hals legt und ihn aufhängen will.«
Ragen fasste Selia argwöhnisch ins Auge, als wüsste er nicht recht, ob sie im Ernst sprach oder sich nur einen Scherz erlaubte. Doch aus ihrer versteinerten Miene wurde er nicht schlau. Also machte er eine dritte Verbeugung.
»Und jetzt beeilt euch, Ragen und Arlen«, fuhr Selia energisch fort. »Nehmt die Beine in die Hand, damit ihr rechtzeitig wieder zurück seid, wenn die Leute hier den Platz räumen und sich zur Nacht in Sicherheit bringen. Und nur damit du Bescheid weißt, Ragen«, ergänzte sie, »wenn du und dein Jongleur Rusco nicht für ein Quartier bezahlen wollt, dann könnt ihr gern bei jemand anders übernachten. Jeder hier wird sich darum reißen, euch in sein Haus aufzunehmen.« Nachdem sie den Kurier und Arlen davongescheucht hatte, drehte sie sich um und schimpfte mit den Umstehenden, die ihre Arbeit unterbrochen hatten, um die Neuankömmlinge zu begaffen.

»Ist sie immer so … resolut?«, erkundigte sich Ragen bei Arlen, als sie zu dem Jongleur gingen, der die jüngsten Kinder mit allerlei Schabernack und Pantomimen unterhielt. Die anderen Leute waren von Selia wieder an ihre Arbeit getrieben worden.
Arlen schnaubte durch die Nase. »Du solltest hören, wie sie mit den Graubärten umspringt. Du hattest noch Glück, dass sie dir nicht das Fell vom Leib gezogen hat, als du sie ›Selia die Unfruchtbare‹ genannt hast.«
»Graig sagte mir, jeder hier würde sie so nennen«, wehrte sich Ragen.
»Das stimmt ja auch«, bestätigte Arlen, »nur wagt es keiner, es ihr ins Gesicht zu sagen. Genauso gut könnte man einen Horcling bei den Hörnern packen. Jeder hier tanzt nach Selias Pfeife.«
Ragen gluckste vergnügt. »Und dabei ist sie eine alte Jungfer. Eine ›alte Tochter‹, würde man bei mir zu Hause sagen«, sinnierte er. »Wo ich herkomme, erwarten nur Mütter, dass man ihren Befehlen gehorcht.«
»Und warum ist das so?«, fragte Arlen.
Ragen zuckte die Achseln. »Weiß ich auch nicht«, räumte er ein. »Aber so läuft das nun mal in Miln. Die Menschen sorgen dafür, dass die Welt sich dreht, und Mütter bringen neue Menschen hervor. Deshalb haben sie zu bestimmen.«
»Bei uns wird das nicht so gemacht«, erwiderte Arlen.
»In kleinen Städten oder Gemeinden gelten andere Gesetze«, meinte Ragen. »Es liegt wohl ganz einfach daran, dass die Einwohnerzahl geringer ist und jeder ein Mitspracherecht bekommt. In den Freien Städten herrschen eigene Sitten und Gebräuche. Und Miln bildet eine rühmliche Ausnahme, indem man hier dem weiblichen Teil der Bevölkerung überhaupt Rechte gewährt. In den übrigen Freien Städten haben die Frauen gar nichts zu sagen.«
»Das kommt mir genauso blöd vor«, murmelte Arlen.
»Es ist auch blöd. In dieser Hinsicht bin ich voll und ganz deiner Meinung.«
Der Kurier blieb stehen und reichte Arlen die Zügel seines Renners. »Warte einen Moment hier«, bat er und begab sich zu dem Jongleur. Die beiden Männer gingen ein Stück zur Seite, um sich zu unterhalten. Arlen sah, wie der Gesichtsausdruck des Jongleurs sich wieder veränderte; zuerst wurde er ärgerlich, dann schien er zu schmollen, und zum Schluss wirkte er einfach nur resigniert, während er versuchte, mit Ragen zu diskutieren, der die gesamte Zeit über keine Miene verzog.
Während der Kurier fortfuhr, den Jongleur wütend anzufunkeln, winkte er Arlen zu sich, der ihm das Pferd brachte.
»… ist mir egal, wie müde du bist«, zischte Ragen mit leiser Stimme. »Diese Menschen sind mit einer fürchterlichen Arbeit beschäftigt, und wenn du den ganzen Nachmittag tanzen und jonglieren musst, um ihre Kinder abzulenken, dann wirst du es eben tun, verdammt noch mal! Mach wieder ein freundliches Gesicht und kümmere dich um die Kleinsten!« Dann riss er Arlen die Zügel aus der Hand und hielt sie dem Mann entgegen.
Arlen bekam deutlich mit, wie sich abwechselnd Wut und Angst auf dem Gesicht des Jongleurs widerspiegelten, ehe der Bursche überhaupt von ihm Notiz nahm. Doch sowie er merkte, dass er beobachtet wurde, ging eine Verwandlung mit ihm vonstatten. Seine Mundwinkel hoben sich, in den Augenwinkeln bildeten sich Lachfältchen, und im nächsten Moment war er wieder der strahlende, fröhliche Spaßmacher, der für die Kinder tanzte.
Ragen lotste Arlen zu dem Karren, und sie kletterten auf den Kutschbock. Ragen klatschte mit den Zügeln, und sie fuhren den unbefestigten Weg zurück, der zur Hauptstraße führte.
»Worüber habt ihr euch gestritten?«, erkundigte sich Arlen, während der Karren über den unebenen Boden holperte.
Der Kurier streifte den Jungen mit einem flüchtigen Blick, dann zuckte er mit den Schultern. »Keerin ist zum ersten Mal so weit weg von der Großstadt«, erklärte er. »Er hielt sich wacker, solange wir noch in einer Gruppe reisten und er in einem überdachten Wagen schlafen konnte. Aber nachdem der Rest unserer Karawane in Angiers zurückblieb, kriegte er es mit der Angst. Selbst am helllichten Tag fürchtet er sich vor den Horclingen, und das macht ihn nicht gerade zu einem angenehmen Reisegefährten.«
»Man merkt es ihm aber nicht an, dass er Schiss hat«, meinte Arlen und blickte zurück auf den Jongleur, der vor den staunenden Kindern Rad schlug.
»Jongleure haben jede Menge Tricks auf Lager. Sie sind Meister darin, sich zu verstellen«, erläuterte Ragen. »Manchmal steigern sie sich in ihr Rollenspiel so hinein, dass sie eine Zeit lang selbst daran glauben, sie seien jemand anders oder verfügten über Eigenschaften, die sie in Wahrheit nicht haben. Keerin mimte den Mutigen. Die Gilde stellte ihn auf die Probe, ob er sich für das Reisen eignete, und er bestand die Prüfung. Aber man weiß nie, wie Menschen sich entwickeln, wenn sie erst einmal zwei Wochen lang auf der offenen Landstraße unterwegs sind. Das erweist sich dann erst in der Praxis.«
»Aber wie schützt ihr euch, wenn ihr nachts kampieren müsst?«, wollte Arlen wissen. »Mein Dad sagt, Siegel in den Dreck zu malen, würde nichts nützen. Im Gegenteil, es könnte die Horclinge höchstens noch anlocken.«
»Dein Dad hat Recht«, erwiderte Ragen. »Wirf mal einen Blick in das Fach zu deinen Füßen.«
Arlen tat es und zog einen großen Beutel aus weichem Leder hervor. Darin befand sich ein mit Knoten versehenes Seil, an dem lackierte Holztafeln, größer als seine Hand, aufgereiht waren. Seine Augen weiteten sich erstaunt, als er die in das Holz eingekerbten und mit Farbe ausgemalten Schutzzeichen sah.
Sofort wusste Arlen, was er da in der Hand hielt: einen tragbaren Bannzirkel, in dem der gesamte Karren bequem Platz fand. »So etwas sehe ich zum ersten Mal«, gestand er.
»Diese Bannzirkel sind schwer herzustellen«, erklärte Ragen. »Die meisten Kuriere verbringen ihre gesamte Lehrzeit damit, diese Kunst zu meistern. Weder Wind noch Regen können diesen Symbolen etwas anhaben, sie sind gegen Verwitterung gefeit. Trotzdem ist man nicht so sicher wie in einem Haus, dessen Wände und Türen mit Schutzzeichen versehen sind.
Standest du schon einmal einem Horcling von Angesicht zu Angesicht gegenüber, Junge?«, fragte der Kurier und blickte Arlen fest in die Augen. »Hast du jemals zugesehen, wie einer versucht, dich anzugreifen, und du kannst dich nirgendwohin flüchten? Und das Einzige, was dich vor der Attacke schützt, ist ein unsichtbarer Zauber?« Er schüttelte den Kopf. »Vielleicht bin ich zu streng mit Keerin. Er wurde auf die Probe gestellt und hat sich bewährt. Hat ein bisschen geschrien, aber das war ja zu erwarten. Doch sich Nacht für Nacht mit der Gefahr auseinanderzusetzen, ist etwas ganz anderes. Manche Männer zerbrechen daran, fürchten dauernd, irgendein vom Wind herbeigewehtes Blatt könnte auf einem Siegel landen und dann …« Plötzlich stieß er ein lautes Zischen aus und stieß mit den zu Klauen gekrümmten Fingern einer Hand nach Arlen, nur um schallend zu lachen, als der Junge erschrocken zurückprallte.
Mit dem Daumen fuhr Arlen über jede einzelne glatte, lackierte Holztafel; ganz deutlich konnte er die Kraft der Siegel spüren. Sie waren in Abständen von jeweils einem Fuß an das Seil geknüpft, was der gängigen Vorschrift für das Anbringen von Schutzzeichen entsprach. Er zählte mehr als vierzig Siegel. »Und was ist mit den Winddämonen?«, fragte er. »Können die nicht in einen derart großen Zirkel hineinfliegen? Mein Dad stellt Pfosten auf, damit sie nicht auf den Feldern landen.«
Ragen sah ihn ein wenig überrascht an. »Wahrscheinlich verschwendet dein Dad damit nur seine Zeit«, meinte er. »Winddämonen sind tüchtige Flieger, aber um sich überhaupt in die Luft schwingen zu können, müssen sie einen langen Anlauf nehmen oder aus großer Höhe herunterspringen. In einem Maisfeld haben sie weder genügend Platz zum Laufen, noch gibt es etwas zum Hinaufklettern. Deshalb werden sie sich schwer hüten, dort zu landen, es sei denn, sie entdecken etwas, dem sie nicht widerstehen können – zum Beispiel einen kleinen Jungen, der auf dem Feld schläft, weil er sich auf eine Mutprobe eingelassen hat.« Er sah Arlen mit demselben Blick an, mit dem Jeph ihn zu durchbohren pflegte, wenn er ihm einschärfen wollte, dass mit den Horclingen nicht zu spaßen sei. Als ob er das nicht wüsste!
»Außerdem müssen Winddämonen in großen Kreisen fliegen, wenn sie die Richtung ändern wollen«, fuhr Ragen fort. »Und die meisten haben eine Flügelspannweite, die den Durchmesser des Bannzirkels übertrifft. Es ist sicher möglich, dass einer in den Zirkel hineinfliegt, aber ich habe es noch nie erlebt. Sollte es wider Erwarten doch einmal vorkommen, dann …« Er deutete auf den langen, kräftigen Speer an seiner Seite.
»Kann man einen Horcling mit einem Speer töten?«, wunderte sich Arlen.
»Wahrscheinlich nicht«, erwiderte Ragen, »aber angeblich kann man sie betäuben, wenn man sie gegen die Siegel drückt.« Er gab ein prustendes Lachen von sich. »Hoffentlich komme ich niemals in die Verlegenheit, herausfinden zu müssen, ob das stimmt.«
Mit großen Augen starrte Arlen ihn an.
Ragen erwiderte seinen Blick und wurde plötzlich ernst. »Die Arbeit eines Kuriers ist gefährlich, mein Junge«, erklärte er abschließend.
Eine geraume Zeit lang konnte Arlen den Blick nicht von ihm abwenden. »Ich finde, das Risiko lohnt sich, wenn man dafür die Freien Städte besuchen kann«, erwiderte er nach einer Weile. »Erzähl mir, wie sieht Fort Miln aus?«
»Fort Miln ist die reichste und schönste Stadt der Welt«, behauptete Ragen. Er lupfte den Ärmel seines Kettenhemdes und enthüllte eine Tätowierung auf seinem Unterarm, die eine von zwei Bergen flankierte Stadt zeigte. »Die Minen des Herzogs enthalten schier unerschöpfliche Vorkommen an Salz, Metallen und Kohle. Die Wände und Dächer der Häuser sind durch Siegel so gut geschützt, dass kaum eine Gefahr besteht. Wenn die Sonne auf die Stadt scheint, dann glänzen die Gebäude in einer solchen Pracht und Herrlichkeit, dass selbst die Berge dagegen verblassen.«
»Ich habe noch nie einen Berg gesehen«, gestand Arlen und zog bewundernd die Tätowierung mit einem Finger nach. »Mein Dad sagt, Berge sind nichts weiter als große Hügel.«
»Siehst du diesen Hügel dort drüben?«, fragte Ragen und deutete in Richtung Norden.
Arlen nickte. »Das ist der Torfhügel. Von der Spitze aus kann man den gesamten Bachlauf überblicken.«
Ragen sah ihn von der Seite her an. »Weißt du, was ›hundert‹ bedeutet, Arlen?«, fuhr er fort.
Wieder nickte Arlen. »Zehn Paar Hände.«
»Nun ja, selbst ein kleiner Berg ist höher als hundert deiner Torfhügel, wenn man sie übereinanderstellte. Und die Berge von Miln sind nicht klein.«
Arlens Augen weiteten sich, als er versuchte, sich eine solche Höhe vorzustellen. »Dann müssen sie ja den Himmel berühren«, überlegte er.
»Manche Berge reichen sogar darüber hinaus«, prahlte Ragen. »Wenn man auf dem Gipfel steht, schaut man hinunter auf die Wolken.«
»Eines Tages möchte ich das sehen«, seufzte Arlen.
»Wenn du alt genug bist, kannst du ja der Kurier-Gilde beitreten«, schlug Ragen ihm vor.
Arlen schüttelte den Kopf. »Mein Dad sagt, wer von zu Hause weggeht, ist ein Deserteur. Und wenn er das Wort ausspricht, spuckt er immer aus.«
»Dein Dad weiß nicht, wovon er redet«, meinte Ragen. »Und eine falsche Meinung wird nicht dadurch richtig, dass man ausspuckt. Ohne Kuriere würden selbst die Freien Städte untergehen.«
»Ich dachte, die Freien Städte seien sicher«, wunderte sich Arlen.
»Es ist nirgendwo sicher, Arlen. Nicht wirklich. In Miln leben mehr Menschen als in einer Siedlung wie Tibbets Bach, und die Verluste lassen sich leichter verkraften. Trotzdem fordern die Horclinge jedes Jahr eine beträchtliche Anzahl von Opfern.«
»Wie viele Einwohner hat Miln?«, erkundigte sich Arlen. »In Tibbets Bach wohnen neunhundert Leute, und das Dorf Sonnige Weide soll fast genauso groß sein.«
»Nun, in Miln leben immerhin mehr als dreißigtausend Bürger«, erwiderte Ragen stolz.
Verwirrt blickte Arlen ihn an.
»Zehn mal hundert macht tausend«, half der Kurier ihm auf die Sprünge.
Arlen dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte er den Kopf. »So viele Menschen gibt es auf der ganzen Welt nicht«, widersprach er.
»Oh doch, und sogar noch mehr«, klärte Ragen ihn auf. »Da draußen wartet eine große, weite Welt auf all diejenigen, die mutig genug sind, der Finsternis zu trotzen.«
Arlen gab keine Antwort, und eine Zeit lang saßen sie schweigend auf dem Karren.

Der schwerfällig rumpelnde Karren brauchte anderthalb Stunden, um das Dorf Stadtplatz zu erreichen. Es war gleichzeitig das Zentrum der weit auseinandergezogenen Gemeinde Tibbets Bach und bestand aus ein paar Dutzend mit Schutzzeichen versiegelten Häusern, in denen Menschen wohnten, deren Beruf es nicht erforderte, auf den Äckern und Reisfeldern zu arbeiten oder sich durch Fischen und Holzfällen den Lebensunterhalt zu verdienen. Hierher kam man, wenn man die Dienste des Schneiders oder des Bäckers, des Hufschmieds, des Küfers oder irgendeines anderen Handwerkers benötigte.
Im Ortskern befand sich der freie Platz, auf dem sich die Leute versammelten, und außerdem das größte Gebäude in der Gemeinde Tibbets Bach, der Gemischtwarenladen. In einem großen, nach vorn gelegenen offenen Raum waren Tische und der Ausschank untergebracht, eine dahinter angrenzende Halle war noch weitläufiger und diente als Vorratslager; in dem unterirdischen Keller wurde fast alles aufbewahrt, was in Tibbets Bach irgendeinen Wert darstellte.
Für die Küche waren Ruscos Töchter zuständig, Dasy und Catrin. Zwei Kredits reichten aus, um sich eine sättigende Mahlzeit zu kaufen, aber Silvy behauptete, der alte Rusco Vielfraß sei ein Betrüger, denn mit zwei Kredits konnte man genug Getreide für eine ganze Woche erwerben. Trotzdem berappten viele der unverheirateten Männer den Preis, wobei sie nicht nur für das Essen löhnten. Dasy war hässlich und Catrin fett, doch Onkel Cholie meinte, die Kerle, die die beiden heiraten würden, hätten für den Rest ihres Lebens ausgesorgt.
Jeder aus Tibbets Bach schleppte seine Waren zu Rusco, seien es Mais, Fleisch oder Pelze, Töpferwaren oder Tuche, Möbel oder Werkzeuge. Der Vielfraß nahm die Sachen in Empfang, schätzte sie und gewährte den Kunden Kredits, mit denen sie wiederum Sachen aus seinem Laden kaufen konnten.
Doch die Waren schienen immer wesentlich mehr zu kosten, als Rusco selbst für sie bezahlt hatte. Arlen verstand genug von Zahlen, um das zu merken. Es gab häufig erbitterten Streit, wenn die Leute kamen, um ihre Erzeugnisse zu verhökern, aber der Vielfraß setzte die Preise fest und bekam normalerweise, was er verlangte. So ziemlich jeder hasste den Vielfraß, doch alle brauchten ihn, und so sah man die Leute eher ihm den Rock abbürsten oder die Türen aufhalten, wenn er des Weges kam, als dass sie vor ihm ausspuckten.
Jeder in Tibbets Bach schuftete von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und konnte sich trotzdem nur das Allernotwendigste leisten. Allein Rusco und seine Töchter hatten immer runde Wangen, dicke Bäuche und saubere neue Kleider. Arlen selbst musste sich in eine Decke wickeln, wenn seine Mutter seine Latzhosen wusch.
Ragen und Arlen banden die Maultiere vor dem Laden fest und betraten das Geschäft. Der Schankraum war leer. Normalerweise roch es in dem Lokal penetrant nach gebratenem Speck, doch heute wehten keine Kochdünste aus der Küche herüber.
Arlen stürmte vor dem Kurier in die Schänke. Dort hatte Rusco eine kleine bronzene Klingel installiert, ein Mitbringsel aus seiner früheren Heimat, den Freien Städten. Arlen liebte diese Klingel. Er klatschte mit der Handfläche darauf und grinste, als das helle, reine Signal ertönte.
Aus dem hinteren Bereich hörte man Lärm, und dann trat Rusco durch die Vorhänge, die den rückwärtigen Teil der Schänke begrenzten. Er war ein massiger Mann, trotz seiner sechzig Jahre immer noch stark und mit einem geraden Rücken, doch über dem Hosengurt hing eine schwabbelige Wampe, und die tief gefurchte Stirn ging in eine Halbglatze über. Sein verbliebenes Haar war grau wie Eisen. Er trug helle Hosen und Lederschuhe; die Ärmel des sauberen weißen Baumwollhemds waren bis zur Mitte der feisten Oberarme hochgekrempelt. Die weiße Schürze war fleckenlos, wie immer.
»Arlen, mein Junge«, grüßte er lächelnd, als er den Knaben erblickte. »Bist du nur gekommen, um mit der Glocke zu spielen, oder hast du ein bestimmtes Anliegen?«
»Ich habe ein bestimmtes Anliegen«, mischte sich Ragen ein und trat vor. »Bist du Rusco Vielfraß?«
»Rusco genügt«, erwiderte der Mann. »›Vielfraß‹ nennen mich zwar alle hier im Ort, aber auch nur hinter meinem Rücken. Sie können es nicht ertragen, wenn jemand mit seinem Geschäft Erfolg hat.«
»Das ist jetzt schon das zweite Mal«, brummte Ragen wie im Selbstgespräch.
»Wie bitte?«, fragte Rusco.
»Es ist schon das zweite Mal, dass Graigs Reisejournal mich falsch informiert hat«, erklärte Ragen. »Als ich heute früh Selia ansprach, nannte ich sie ›unfruchtbar‹.«
»Ha!« Rusco lachte. »Das hast du gewagt! Nun, darauf gebe ich einen aus. Wie, sagtest du, ist dein Name?«
»Ich heiße Ragen«, antwortete der Kurier, ließ den schweren Beutel, den er mitgeschleppt hatte, auf den Boden plumpsen und setzte sich an die Theke. Rusco öffnete den Zapfhahn eines Fasses und nahm einen geriffelten Holzkrug von einem Haken.
Das Bier war dick und honigfarben, und eine weiße Schaumkrone wölbte sich über dem Krug auf. Rusco füllte einen Krug für Ragen und einen für sich selbst. Nach einem Blick auf Arlen zapfte er Bier in einen kleinen Becher. »Setz dich damit an einen Tisch und lass uns Erwachsene am Tresen sprechen«, bestimmte er. »Und wenn du schlau bist, dann erzählst du deiner Mam nicht, dass ich dir Bier gegeben habe.«
Arlen strahlte über das ganze Gesicht und flitzte mit seiner Beute davon, ehe Rusco es sich vielleicht doch noch anders überlegte. Gelegentlich, an Festtagen, durfte er einen Schluck Bier aus dem Krug seines Vaters trinken, aber noch nie hatte er einen eigenen Becher mit Bier bekommen.
»Ich fing schon an mir Sorgen zu machen, es würde überhaupt niemand mehr kommen«, hörte er Rusco zu dem Kurier sagen.
»Letzten Herbst, kurz bevor er aufbrechen sollte, fing Graig sich eine Erkältung ein«, erzählte Ragen, der in tiefen Zügen das Bier schlürfte. »Die Kräutersammlerin, die ihn behandelte, riet ihm, die Reise aufzuschieben, bis es ihm besser ginge, doch dann wurde es Winter, und sein Zustand verschlechterte sich immer mehr. Am Ende bat er mich, seine Tour zu übernehmen, bis die Gilde einen Ersatz für ihn fände. Ich musste ohnehin eine Karawane mit Salz nach Angiers begleiten, deshalb nahm ich noch einen zusätzlichen Karren mit und machte den Umweg hierher, ehe ich wieder nach Norden zurückkehre.«
Rusco schnappte sich Ragens Krug und füllte ihn ein zweites Mal. »Auf Graig«, rief er. »Er war ein ausgezeichneter Kurier und ein Meister im Feilschen!«
Ragen nickte, die beiden Männer stießen mit den Krügen an und tranken.
»Noch ein Bier?«, fragte Rusco, als Ragen seinen Krug auf die Theke knallte.
»Graig schrieb in seinem Journal, du seist auch ein Meister im Feilschen«, beschied ihm Ragen, »und dass du versuchen würdest, mich betrunken zu machen, ehe wir zum Geschäftlichen kämen.«
Rusco kicherte stillvergnügt vor sich hin und füllte den Krug nach. »Wenn wir erst mit Feilschen fertig sind, habe ich es nicht mehr nötig, dich auf Kosten des Hauses trinken zu lassen«, meinte er und reichte Ragen den Krug mit der frischen Schaumkrone.
»Oh doch, wenn du willst, dass deine Post auch in Miln ankommt«, erwiderte Ragen grinsend und nahm Rusco den Krug ab.
»Ich sehe schon, du bist genauso hartgesotten wie der alte Graig«, grummelte Rusco und fing an, auch für sich ein neues Bier zu zapfen. »Wie auch immer«, fuhr er fort, während der Schaum überquoll, »wir können ja beide in betrunkenem Zustand feilschen.« Die Männer lachten und stießen erneut an.
»Was gibt es Neues von den Freien Städten zu berichten?«, erkundigte sich Rusco. »Sind die Krasianer immer noch wild entschlossen, sich selbst zu vernichten?«
Ragen zuckte die Achseln. »Ganz bestimmt, nach allem, was man so hört. Seit ein paar Jahren reise ich schon nicht mehr nach Krasia. Ich verzichte auf diese Route, seitdem ich geheiratet habe. Es ist mir zu weit und zu gefährlich.«
»Dann hat die Tatsache, dass sie ihre Frauen mit Decken verhüllen, also nichts mit deinem Verzicht zu tun?«, fragte Rusco.
Ragen lachte aus voller Kehle. »Nicht wirklich«, gluckste er. »In erster Linie mag ich die Krasianer nicht, weil sie glauben, alle Leute aus dem Norden, sogar die Kuriere, seien feige, da sie nachts nicht nach draußen gehen, um sich von den Horclingen massakrieren zu lassen.«
»Vielleicht wären sie weniger aufs Kämpfen erpicht, wenn sie sich öfter ihren Frauen widmen würden«, kommentierte Rusco. »Wie stehen die Dinge in Angiers und Miln? Hätscheln die Herzöge immer noch ihren Zwist?«
»Na klar, an der Situation hat sich nichts geändert«, gab Ragen zurück. »Euchor braucht Angiers’ Holz, um die Raffinerien zu betreiben, und Getreide, damit die Bevölkerung was zu essen hat. Rhinebeck ist auf das Salz und die Metalle von Miln angewiesen. Um zu überleben, müssen die Länder Handel treiben, aber anstatt es sich möglichst leicht zu machen, verbringen die Herzöge ihre gesamte Zeit damit, Ränke zu schmieden, wie sie sich gegenseitig am besten betrügen können. Besonders schlimm wird es, wenn eine Lieferung auf der Straße verloren geht, weil Horclinge den Wagentreck angreifen. Vergangenen Sommer fielen Dämonen über eine Karawane her, die Stahl und Salz beförderte. Sie töteten die Kutscher, ließen den größten Teil der Fracht jedoch intakt. Rhinebeck holte sich das Zeug und weigerte sich zu bezahlen, weil er sich auf das Bergerecht berief.«
»Herzog Euchor muss geschäumt haben vor Wut«, warf Rusco ein.
»Er bekam Tobsuchtsanfälle«, stimmte Ragen zu. »Ich war derjenige, der ihm die Nachricht überbrachte. Er lief knallrot an und schwor, Angiers würde keine einzige Unze Salz mehr sehen, bevor Rhinebeck nicht den Preis in voller Höhe bezahlt hätte.«
»Und wie hat Rhinebeck darauf reagiert? Gab er nach und hat das Geld rausgerückt?« Gespannt beugte sich Rusco über den Tresen.
Ragen schüttelte den Kopf. »Ein paar Monate lang versuchten beide Herzöge, einander auszuhungern, und danach hat die Kaufmannsgilde sich erbarmt und gezahlt, nur um ihre Lieferungen vor Wintereinbruch auf die Straße zu bringen. Anderenfalls wären die Sachen in den Lagerräumen verrottet. Jetzt hegt Rhinebeck einen Groll gegen die Händler, er nimmt es ihnen übel, weil sie Euchor nachgegeben haben. Aber sein Gesicht hat er gewahrt und die Karawanen rollen wieder, und das ist das Einzige, was die Leute interessiert – mit Ausnahme der beiden bissigen Köter, die haben nur ihren eigenen Vorteil im Sinn und strotzen vor Egoismus.«
»Pass auf, wie du über die Herzöge redest«, warnte Rusco. »Selbst hier draußen solltest du dich vorsehen.«
»Wer sollte denn hingehen und mich anschwärzen?«, fragte Ragen. »Du etwa? Oder der Junge?« Er deutete auf Arlen, und beide Männer lachten.
»Und nun muss ich Euchor Neuigkeiten von der Siedlung Flussbrücke übermitteln«, fuhr Ragen fort. »Das wird neues Öl ins Feuer gießen.«
»Flussbrücke, die Siedlung an der Grenze zu Miln«, sinnierte Rusco. »Kaum eine Tagesreise von Angiers entfernt. Ich habe Kontakte dort.«
»Jetzt nicht mehr«, erwiderte Ragen mit Nachdruck, und beide Männer schwiegen eine Weile.
»Genug der schlechten Nachrichten«, begann der Kurier, als die Stille ihm zu lange andauerte. Er bückte sich und wuchtete den Lederbeutel auf den Tresen. Rusco beäugte das Gepäckstück mit argwöhnischer Miene.
»Das sieht nicht nach einer Salzlieferung aus«, meinte er, »und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich so viel Post kriege.«
»Für dich sind sechs Briefe und ein volles Dutzend Päckchen dabei«, erklärte Ragen und reichte Rusco ein zusammengefaltetes Blatt Papier. »Hier ist alles aufgelistet, zusammen mit den anderen Briefen im Beutel und den Päckchen, die noch auf dem Karren liegen. Alles muss an die Empfänger verteilt werden. Selia hat eine Kopie der Liste«, ergänzte er in warnendem Tonfall.
»Und was soll ich mit dieser Liste oder deinem Postsack anfangen?«, wollte Rusco wissen.
»Selia, die Dorfsprecherin, ist anderweitig beschäftigt und hat keine Zeit, die Briefe weiterzugeben, geschweige denn sie den Leuten vorzulesen, die des Lesens nicht mächtig sind. Sie schlägt vor, dass du das übernimmst.«
»Und wie werde ich dafür entschädigt, dass ich während meiner Geschäftsstunden Briefe austrage und vorlese?«, fragte Rusco.
»Vielleicht durch die Befriedigung, die es verschafft, wenn man seinen Nachbarn einen Gefallen tut?«, schlug Ragen vor.
Rusco schnaubte vulgär durch die Nase. »Ich bin nicht nach Tibbets Bach gekommen, um Freunde zu gewinnen«, erwiderte er geringschätzig. »Ich bin Geschäftsmann und tue ohnehin schon viel Gutes für die Gemeinde.«
»Tatsächlich?«, fragte Ragen mit einem Anflug von Ironie.
»Ja, tatsächlich, verdammt noch mal!«, legte Rusco los. »Ehe ich mich hier niederließ, kannten die Einheimischen nur den Tauschhandel.« Er betonte das Wort, als sei es etwas Obszönes, und spuckte dazu auf den Boden. »Sie sammelten die Früchte ihrer Arbeit und trafen sich an jedem Siebenttag auf dem Platz. Dann fingen sie an zu streiten, wie viele Bohnen eine Getreideähre wert sei, oder wie viel Reis man dem Küfer geben müsse, damit er einem ein Fass herstellte, in dem man seinen Reis aufbewahrte. Und wenn man am Siebenttag nicht bekam, was man brauchte, musste man eine ganze Woche lang warten oder von Tür zu Tür pilgern. Jetzt kann jeder zu mir kommen, Tag für Tag, jederzeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, mir seine Waren gegen Kredits verkaufen und sich dann wiederum selbst mit allem Notwendigen eindecken.«
»Der Retter der Gemeinde«, versetzte Ragen trocken. »Und du verlangst keine Gegenleistung?«
»Nichts außer einem angemessenen Profit«, erwiderte Rusco grinsend.
»Und wie oft kommt es vor, dass die Hiesigen dich aufknüpfen wollen, weil du sie wieder mal übers Ohr gehauen hast?«, erkundigte sich Ragen.
Rusco kniff leicht die Augen zusammen. »Viel zu oft, wenn man bedenkt, dass die Hälfte der Einheimischen nur so weit zählen können, wie sie Finger haben, und der Rest auch nur so schlau ist, die Zehen dazuzurechnen, wenn sie bis zwanzig kommen wollen.«
»Von Selia soll ich dir ausrichten, dass du das nächste Mal, wenn sie dich baumeln lassen wollen, auf dich allein gestellt bist.« Ragens freundliche Stimme klang plötzlich hart. »Es sei denn, du erledigst die Sache mit der Post. Auf der anderen Seite der Siedlung haben die Leute ein schlimmeres Los zu beklagen, als ihren Nachbarn Briefe vorlesen zu müssen.«
Rusco runzelte die Stirn, aber er schnappte sich die Liste und wuchtete den schweren Postsack in seinen Lagerraum.
»Wie schlimm ist es wirklich?«, erkundigte er sich, als er zurückkam.
»Sehr schlimm«, beschied ihm Ragen. »Bis jetzt hat es siebenundzwanzig Tote gegeben, und ein paar Leute werden noch vermisst.«
»Beim Schöpfer!«, fluchte Rusco und malte ein Schutzzeichen in die Luft. »Und ich dachte, es hätte höchstens eine einzige Familie erwischt.«
»Leider kam es anders«, seufzte Ragen.
Beide Männer schwiegen ein paar Minuten, wie es der Anstand gebot, dann blickten sie einander gleichzeitig an.
»Hast du das Salz für dieses Jahr mitgebracht?«, fragte Rusco.
»Hast du den Reis für den Herzog?«, wollte Ragen wissen.
»Die Lieferung liegt schon seit dem letzten Winter bereit«, antwortete Rusco. »Ich hatte ja damit gerechnet, dass sie viel früher abgeholt würde.«
Ragen kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen.
»Oh, der Reis ist vollkommen in Ordnung«, beeilte sich Rusco zu sagen und hob die Hände wie in einer flehenden Gebärde. »Ich habe ihn gut verpackt und trocken gelagert, und in meinem Keller gibt es kein Ungeziefer!«
»Du wirst sicher verstehen, dass ich mich selbst davon überzeugen muss«, warf Ragen ein.
»Selbstverständlich, selbstverständlich«, haspelte Rusco herunter. »Arlen, bring diese Lampe da!«, befahl er und zeigte mit dem Finger in eine Ecke der Schankstube.
Arlen flitzte zu der Laterne und griff nach dem Feueranzünder. Geschickt entzündete er den Docht und senkte andächtig das Glas darüber. Noch nie zuvor hatte man ihm erlaubt, das Glas zu halten. Es fühlte sich kühler an, als er es sich vorgestellt hatte, doch als die Flamme daran hochzüngelte, erwärmte es sich schnell.
»Trag uns die Laterne nach unten in den Keller«, wies Rusco ihn an. Arlen bemühte sich, seine Aufregung zu verbergen. Schon immer hatte er sich gewünscht, einen Blick hinter den Tresen zu werfen. Man munkelte, wenn sämtliche Einwohner von Tibbets Bach all ihre Habe auf einen Haufen türmen würden, wäre das immer noch nichts verglichen mit den wunderbaren Dingen, die der alte Vielfraß in seinem Keller hortete.
Er sah zu, wie Rusco an einem im Boden eingelassenen Ring zog und eine große Falltür öffnete. Geschwind huschte Arlen nach vorn, aus Sorge, der Vielfraß könne doch noch seine Meinung ändern. Während er die knarrenden Treppenstufen hinunterstieg, hielt er die Laterne hoch, um den Weg auszuleuchten. Der Lichtschein fiel auf Stapel von Kisten und Fässern, die vom Fußboden bis zur Decke reichten und sich in gleichmäßigen Reihen an den Wänden entlangzogen, bis in Winkel, in die der Lichtkegel nicht mehr reichte. Der Boden bestand aus Holz, um zu verhindern, dass Horclinge direkt aus dem Horc in den Keller gelangten, trotzdem hatte man in die Wandregale Schutzzeichen eingekerbt. Der alte Vielfraß ging sorgfältig mit seinen Schätzen um.
Der Ladenbesitzer führte sie durch die Gänge zu den versiegelten Fässern im hinteren Teil des Kellers. »Sie sehen unversehrt aus«, meinte Ragen, der das Holz begutachtete. Einen Moment lang schien er zu überlegen, dann traf er blindlings seine Wahl. »Das da«, bestimmte er, auf ein Fass zeigend.
Vor Anstrengung grunzend hievte Rusco das Fass vom Stapel. Manche Leute fanden, seine Arbeit sei leicht, doch seine Arme waren so hart und muskulös wie die der Männer, die eine Axt oder Sense schwangen. Er brach das Siegel auf, hebelte den Deckel des Fasses ab und schaufelte Reis in eine flache Pfanne, damit Ragen die Ware inspizieren konnte.
»Das ist erstklassiger Reis aus den Marschen«, erklärte er dem Kurier. »Du wirst keinen einzigen Käfer darin finden und nicht die geringste Spur von Schimmel. In Miln kann man ihn zu einem hohen Preis verkaufen, vor allen Dingen, weil die letzte Lieferung schon so lange zurückliegt.« Ragen brummte und nickte, das Fass wurde wieder versiegelt und sie kletterten über die Stiege nach oben zurück.
Danach feilschten sie eine geraume Zeit lang, wie viele Fass Reis die schweren Säcke mit Salz, die auf dem Karren lagen, wert sein mochten. Am Ende schien keiner der beiden mit dem Ergebnis zufrieden zu sein, doch per Handschlag wurde das Geschäft beschlossen.
Rusco rief seine Töchter, und alle zusammen gingen nach draußen, um das Salz vom Karren abzuladen. Arlen versuchte, einen Sack zu heben, aber er war viel zu schwer für ihn; er taumelte unter dem hohen Gewicht, stürzte, und ließ den Sack fallen.
»Pass doch auf!«, schnauzte Dasy ihn an und versetzte ihm einen Schlag gegen den Hinterkopf.
»Wenn du zu schwach bist, um beim Tragen zu helfen, dann halte uns wenigstens die Tür auf!«, schrie Catrin. Sie selbst hatte einen Sack auf ihre Schulter gehievt und ein anderer klemmte unter ihrem drallen Arm. Arlen rappelte sich wieder auf die Füße, sauste zur Tür und riss sie weit auf.
»Hole Ferd Müller und sag ihm, wir zahlen fünf … nein, vier Kredits für jeden Sack, den er in seiner Mühle mahlt«, befahl Rusco dem Jungen. Die meisten Bewohner von Tibbets Bach arbeiteten in der einen oder anderen Weise für den Vielfraß, aber vor allen Dingen die Leute, die rings um den Weiler Marktplatz wohnten, waren ihm verpflichtet. »Fünf Kredits kriegt er, wenn er das Salz in Fässer mit Reis steckt, damit es trocken bleibt.«
»Ferd ist bei den Holzfällerhütten«, erwiderte Arlen. »Wie fast alle.«
Rusco gab einen knurrenden Laut von sich, enthielt sich aber einer Bemerkung. Schon bald war der Karren leer, bis auf ein paar Kisten und Säcke, die kein Salz enthielten. Ruscos Töchter schielten begehrlich auf die Behältnisse, hüteten sich jedoch, eine Frage zu stellen.
»Heute Abend tragen wir den Reis aus dem Keller und verwahren ihn in dem hinteren Raum, bis du bereit bist, nach Miln zurückzufahren«, schlug Rusco vor, nachdem der letzte Sack ins Haus geschleppt worden war.
»Ich danke dir«, erwiderte Ragen.
»Dann sind die Geschäfte für den Herzog erledigt?«, erkundigte sich Rusco grinsend, während er einen wissenden Blick auf die restlichen Sachen im Karren warf.
»Die Geschäfte für den Herzog sind abgeschlossen, das ist richtig«, bestätigte Ragen und grinste gleichfalls. Arlen hoffte, sie würden ihm noch einen Becher Bier spendieren, wenn sie mit dem Feilschen fortfuhren. Es erzeugte in seinem Kopf ein leichtes Gefühl, wie bei einer Erkältung, nur ohne das leidige Niesen, Husten oder die Schmerzen. Der Zustand gefiel ihm, und er wollte ihn zu gern noch einmal ausprobieren.
Er half, die übrigen Sachen in den Schankraum zu verfrachten, und Catrin brachte einen Teller voller Brotscheiben, die dick mit Fleisch belegt waren. Arlen bekam tatsächlich ein zweites Bier, um das Essen herunterzuspülen, und der alte Vielfraß sagte ihm, er könne ihm für seine Arbeit zwei Kredits in seinem Buch gutschreiben. »Deinen Eltern werde ich nichts davon erzählen«, fuhr er fort, »aber wenn du deinen Verdienst für Bier ausgibst und sie dich dabei erwischen, wirst du den Ärger, den deine Mam mir bereiten wird, bei mir abarbeiten müssen.« Arlen nickte inbrünstig. Er hatte noch nie zwei Kredits besessen, die er im Laden ausgeben konnte.
Nach dem Mittagsmahl gingen Rusco und Ragen wieder an den Tresen zurück und packten die anderen Waren aus, die der Kurier mitgebracht hatte. Arlens Augen leuchteten, als die Schätze nacheinander präsentiert wurden. Er bestaunte auf Ballen gewickelte Tuche von einer nie zuvor gesehenen Schönheit; aus den Tiefen der Kisten holte Ragen nach und nach Werkzeuge und Nadeln aus Metall hervor, Keramikgegenstände und exotische Gewürze. Sogar ein paar Becher aus durchscheinendem, funkelndem Glas hatte er dabei.
Ruscos Begeisterung schien sich indessen in Grenzen zu halten. »Letztes Jahr hatte Graig ein besseres Sortiment dabei«, meinte er. »Für alles zusammen kann ich dir … einhundert Kredits geben.« Arlens Kinnlade klappte herunter. Einhundert Kredits! Dafür konnte Ragen halb Tibbets Bach kaufen.
Ragen zeigte sich jedoch von dem Angebot unbeeindruckt. Wieder trat dieser harte Blick in seine Augen, und er schlug mit der Hand auf den Tisch. Bei dem Knall blickten Dasy und Catrin hoch, die gerade aufräumten und das Geschirr abspülten.
»Zum Horc mit deinen Kredits!«, fluchte er. »Ich bin nicht einer deiner Dorfdeppen, und wenn du nicht willst, dass man dich in der Gilde einen Betrüger nennt, dann tu nicht noch einmal so, als hättest du einen Idioten vor dir!«
»Nichts für ungut!« Rusco lachte und wedelte einlenkend mit der Hand, wie es seine Art war. »Ich musste es einfach versuchen … das wirst du doch sicher verstehen. Ist man in Miln denn noch immer so gierig nach Gold?«, fragte er mit einem verschlagenen Lächeln.
»Natürlich, wie überall«, erwiderte Ragen. Er runzelte immer noch die Stirn, doch seine Stimme klang nicht mehr wütend.
»Oh nein, hier bei uns ist das anders«, versicherte ihm Rusco. Er trat hinter den Vorhang, und man konnte hören, wie er dort herumfuhrwerkte. Mit erhobener Stimme sprach er weiter: »Hier draußen ist alles, was man nicht essen, nicht anziehen, nicht zum Malen eines Siegels oder für die Feldarbeit gebrauchen kann, kaum etwas wert.« Nach einer Weile tauchte er mit einem großen Stoffsack wieder auf; was immer sich darin befinden mochte, klirrte vernehmlich, als er den Sack auf den Tresen warf.
»In dieser Gegend haben die Leute vergessen, dass Gold die Welt bewegt«, fuhr er fort, griff in den Sack und zog zwei massive gelbe Münzen heraus, die er Ragen unter die Nase hielt. »Die Kinder des Müllers haben diese hier als Spielsteine benutzt! Spielsteine! Ich bot ihnen an, das Gold gegen ein aus Holz geschnitztes Spiel einzutauschen, das irgendwo in meinem Hinterzimmer verstaubte. Sie dachten, ich täte ihnen einen Gefallen! Am nächsten Tag kam Ferd höchstpersönlich bei mir vorbei, um sich zu bedanken!« Er lachte tief aus dem Bauch heraus. Arlen hatte das Gefühl, er müsse dieses Lachen abstoßend finden, aber er wusste nicht recht, warum er so dachte. Er hatte das Spiel mit den Kindern des Müllers viele Male gespielt, und es kam ihm viel wertvoller vor als die zwei Metallscheiben, auch wenn sie noch so sehr glänzten.
»Zwei Sonnen sind zu wenig für die Waren, die ich mitgebracht habe«, entgegnete Ragen. Mit einem Kopfnicken deutete er auf die Münzen, dann blickte er zu seinen Sachen hin.
Rusco schmunzelte. »Keine Bange«, säuselte er, band den Sack ganz auf und schüttete einen Teil des Inhalts auf die Theke. Noch mehr funkelnde Münzen kamen zum Vorschein, dazu Ketten, Fingerringe und auf Schnüre gefädelte glitzernde Steine. Arlen fand das zwar alles recht hübsch, trotzdem staunte er, als Ragen die Augen aufriss und sich ein geradezu lüsterner Zug auf seinem Gesicht ausbreitete.
Abermals begannen die Männer hingebungsvoll zu schachern. Ragen hielt die Steine gegen das Licht und biss auf die Münzen, während Rusco die feinen Stoffe betastete und von den Gewürzen kostete. Arlen sah die ganze Szene verschwommen, und von dem Bier war ihm schwindelig. Catrin schenkte Rusco und ihrem Vater immer wieder nach, doch die beiden gaben durch nichts zu erkennen, dass das Bier auch nur annähernd dieselbe Wirkung auf sie hatte wie auf Arlen.
»Zweihundertundzwanzig Goldsonnen, zwei Silbermonde, die Edelsteinkette und die drei silbernen Ringe«, forderte Rusco schließlich. »Und keinen Kupferheller mehr.«
»Kein Wunder, dass du in einem winzigen Kaff auf dem platten Land arbeitest«, meinte Ragen. »Wahrscheinlich hat man dich wegen Betrugs aus der Stadt verjagt.«
»Glaubst du, mit Beleidigungen könntest du den Preis hochtreiben?«, versetzte der Vielfraß gelassen. Er vertraute darauf, dass er sich in der stärkeren Position befand.
»Dieses Mal springt für mich ohnehin kein Verdienst heraus«, klärte Ragen ihn auf. »Nach Abzug meiner Reisekosten geht der Erlös bis auf den letzten Heller an Graigs Witwe.«
»Ah, Jenya«, seufzte Rusco wehmütig. »Sie schrieb Briefe für die Leute in Miln, die das Alphabet nicht kannten. Auch mein dämlicher Neffe zählte zu ihren Kunden. Was wird jetzt aus ihr werden?«
Ragen schüttelte den Kopf. »Die Gilde hat ihr kein Sterbegeld gezahlt, weil Graig zu Hause verschied«, erklärte er. »Und da sie keine Mutter ist, wird ihr der Zugang zu vielen Berufen verwehrt.«
»Das tut mir aufrichtig leid«, meinte Rusco.
»Graig hinterließ ihr ein bisschen Geld«, fuhr Ragen fort, »obwohl er nie viel hatte, und die Gilde wird sie auch weiterhin für ihre Tätigkeit als Schreiberin bezahlen. Mit dem Gewinn aus dieser Tour dürfte sie dann eine Zeit lang ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Aber sie ist noch jung, und einmal ist das Vermögen aufgezehrt, es sei denn, sie heiratet wieder oder es gelingt ihr, sich eine bessere Arbeit zu verschaffen.«
»Und was, wenn nicht?«, erkundigte sich Rusco.
Ragen zuckte die Achseln. »Es wird nicht leicht für sie sein, einen neuen Ehemann zu finden, da sie schon einmal verheiratet war und kinderlos blieb, aber sie wird keine Bettlerin. Meine Gildebrüder und ich haben geschworen, dass wir das niemals zulassen werden. Bevor sie in die Armut abstürzt, nimmt einer von uns sie als Dienerin in sein Haus.«
Rusco schüttelte den Kopf. »Trotzdem, aus der Kaufmannskaste in den Dienstbotenstand abzusteigen …« Er fasste in den nunmehr viel dünneren Sack und holte einen Ring mit einem klaren, funkelnden Stein heraus. »Sorge dafür, dass sie den hier bekommt«, sagte er und hielt Ragen den Ring entgegen.
Ragen wollte danach greifen, doch Rusco zog flink seine Hand zurück. »Ich verlange von ihr eine Bestätigung, weißt du«, erklärte er. »Und ich weiß, in welchem Stil sie ihre Briefe abfasst.« Ragen sah ihn eine Weile an, und eilig fügte er hinzu: »Nimm’s nicht persönlich.«
Ragen lächelte. »Deine Großzügigkeit macht deine Beleidigung wieder wett«, erwiderte er und nahm Rusco den Ring ab. »Wenn sie das Schmuckstück verkauft, kann sie sich monatelang satt essen.«
»Ja, das denke ich auch«, versetzte Rusco knurrig und schob die übrigen Sachen, die sich glitzernd auf dem Tresen ausbreiteten, in den Sack zurück. »Aber erzähl es bitte nicht weiter, sonst verliere ich noch den Ruf, ein Geizhals und Betrüger zu sein.«
»Dein Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben«, versprach Ragen und lachte.
»Vielleicht könntest du dazu beitragen, dass sie sich noch ein kleines Zubrot verdient«, fuhr Rusco fort.
»Wie das?«
»Die Briefe, die sich bei uns angesammelt haben, sollten schon vor sechs Monaten nach Miln gehen. Wenn du noch ein paar Tage hier bleibst, schreiben die Leute bestimmt noch etliche mehr. Du sammelst sie ein, hilfst womöglich beim Schreiben, und ich bezahle dich dafür. Nicht mit Gold«, stellte er klar, »aber Jenya freut sich gewiss auch über ein Fässchen Reis, ein paar geräucherte Fische oder einen Sack Mehl.«
»Ganz sicher«, bekräftigte Ragen.
»Für deinen Jongleur finde ich auch eine Beschäftigung«, legte Rusco nach. »Hier im Ortskern zieht er auf jeden Fall mehr Zuschauer an, als wenn er von einem Bauernhof zum nächsten hüpft.«
»Abgemacht«, erklärte Ragen. »Aber Keerin wird sich nur mit Gold zufrieden geben.«
Rusco warf ihm einen argwöhnischen Blick zu, und Ragen lachte schallend. »Ich musste es einfach versuchen … weißt du«, prustete er. »Na schön – Silber tut es auch.«
Rusco nickte. »Für jede Vorstellung kassiere ich einen Silbermond. Davon behalte ich einen Stern, und die drei anderen Sterne bekommt er.«
»Sagtest du nicht, die Leute hier hätten kein Geld?«, hakte Ragen nach.
»Die meisten haben wirklich keines«, antwortete Rusco. »Aber ich verkaufe ihnen die Monde für … sagen wir fünf Kredits.«
»Und so profitiert Rusco der Vielfraß von beiden Seiten, nicht wahr?«
Der Vielfraß erwiderte nichts, sondern setzte nur ein hintergründiges Lächeln auf.

Während der gesamten Rückfahrt war Arlen ganz zappelig vor Aufregung. Der alte Vielfraß hatte ihm versprochen, er dürfe sich die Vorstellungen des Jongleurs kostenlos ansehen, wenn er die Nachricht verbreitete, dass Keerin am nächsten Tag um die Mittagsstunde im Dorf Stadtplatz auftreten würde; der Preis fürs Zuschauen betrüge fünf Kredits oder einen silbernen Milneser Mond. Viel Zeit blieb Arlen nicht, um die Botschaft auszuposaunen; sowie er und Ragen zurückkehrten, würden seine Eltern sich zum Aufbruch rüsten, aber er war sich sicher, dass er die Neuigkeit unter die Leute bringen konnte, ehe seine Mam und sein Dad ihn auf den Karren zerren würden.
»Erzähle mir etwas über die Freien Städte«, bettelte Arlen, als der Karren auf der Straße dahinrollte. »Wie viele hast du gesehen?«
»Fünf«, erwiderte Ragen, »Miln, Angiers, Lakton, Rizon und Krasia. Hinter den Bergen oder der Wüste gibt es vielleicht noch mehr, aber ich kenne niemanden, der jemals dort war.«
»Kannst du mir die Städte ein bisschen näher beschreiben?«
»Fort Angiers, die Waldfestung, liegt südlich von Miln am anderen Ufer des Grenzflusses«, hob Ragen an. »Angiers beliefert die anderen Städte mit Holz. Weiter südlich erstreckt sich der Große See, und auf seiner Oberfläche steht Lakton.«
»Ist ein See dasselbe wie ein Teich?«, erkundigte sich Arlen.
»Ein See verhält sich zu einem Teich wie ein Berg zu einem Hügel«, erklärte Ragen und gab Arlen einen Moment Zeit, diese Vorstellung zu verdauen. »Draußen auf dem Wasser sind die Laktonianer sicher vor Flammen-, Felsen- und Walddämonen. Ihr Siegelnetz schützt sie vor Winddämonen, und sie verstehen es vortrefflich, sich gegen Wasserdämonen zu behaupten. Die Laktonianer sind ein Volk aus Fischern, und Tausende von Einwohnern der südlichen Städte ernähren sich von ihren Fängen. Diese Leute sind auf die Laktonianer angewiesen.
Westlich von Lakton liegt Fort Rizon, das technisch gesehen gar keine Festung ist, da man problemlos die Mauern übersteigen kann, doch es schützt die größten Ackerflächen, die du je gesehen hast. Wenn es Rizon nicht gäbe, müssten die anderen Städte Hunger leiden.«
»Und Krasia?«, fragte Arlen.
»Fort Krasia habe ich erst ein einziges Mal aufgesucht«, erwiderte Ragen. »Die Krasianer verhalten sich Fremden gegenüber nicht besonders gastfreundlich, und um dorthin zu gelangen, muss man eine Woche lang durch eine Wüste reisen.«
»Wüste?«
»Sand«, erläuterte Ragen. »Meilenweit in jede Richtung gibt es nichts als Sand. Nahrung und Wasservorräte musst du dir mitnehmen, weil man unterwegs nichts Essbares findet, auch keine Wasserstellen oder Bachläufe. Und kein Schatten schützt dich vor der sengenden Sonne.«
»Und dort leben Menschen?«, wunderte sich Arlen.
»Oh ja«, behauptete Ragen. »Früher gab es sogar mehr Krasianer als Milneser, aber langsam sterben sie aus.«
»Warum?«
»Weil sie die Horclinge bekämpfen.«
Arlens Augen weiteten sich vor Verblüffung. »Man kann gegen Horclinge kämpfen?«, vergewisserte er sich.
»Man kann gegen alles kämpfen, Arlen«, entgegnete Ragen. »Aber wenn man sich mit Horclingen anlegt, verliert man meistens. Die Krasianer töten eine Menge von ihnen, doch die Horclinge sind einfach stärker als sie. Mit jedem Jahr verringert sich die Anzahl der Krasianer.«
»Mein Dad sagt, die Horclinge fressen deine Seele, wenn sie dich kriegen«, erzählte Arlen.
»Bah!« Ragen spuckte über die Seitenwand des Karrens. »Blödsinniger Aberglaube!«
Sie fuhren um eine Wegbiegung, die nicht mehr weit von den Holzfällerhütten entfernt lag, und plötzlich bemerkte Arlen, dass vor ihnen etwas an einem Baum hing und heftig hin und her pendelte. »Was ist das?«, fragte er und zeigte in die Richtung.
»Bei der Nacht!«, fluchte Ragen, schnalzte mit den Zügeln und trieb die Maultiere zu einem Galopp an. Arlen wurde auf dem Kutschbock nach hinten geworfen und brauchte eine Weile, um sich wieder gerade hinzusetzen. Als er sich auf seinem Platz zurechtgerückt hatte, blickte er direkt auf den Baum, der in rasender Eile näher kam.
»Onkel Cholie!«, schrie er. Er sah, dass der Mann verzweifelt mit den Beinen strampelte und seine Finger in den Strick krallte, der seinen Hals zusammenschnürte.
»Hilfe! Hilfe!«, kreischte Arlen. Mit einem gewaltigen Satz sprang er von dem rollenden Karren und landete unsanft auf dem harten Boden; doch behände rollte er sich ab, kam wieder auf die Füße und rannte, so schnell er konnte, zu Onkel Cholie. Keuchend stellte er sich unter den Mann, aber einer der wild zuckenden Füße traf seinen Mund, und er stürzte zu Boden. Er schmeckte Blut, doch sonderbarerweise fühlte er keine Schmerzen. Hastig rappelte er sich hoch, packte Cholies Beine und versuchte, den Mann anzuheben, damit der Strick sich lockerte; doch er war zu klein, und obendrein war Cholie ein Schwergewicht, deshalb hörte das Würgen und Zappeln nicht auf.
»Hilf ihm!«, brüllte Arlen Ragen an. »Er erstickt! So unternimm doch irgendetwas!«
Er blickte hoch und sah, wie Ragen aus dem hinteren Teil des Karrens einen Speer zog. Der Kurier holte weit aus und schleuderte den Speer, ohne sich Zeit zum Zielen zu nehmen. Aber er war treffsicher; der Strick zerriss, und Cholie fiel auf Arlen. Beide wälzten sich im Dreck.
Im Nu war Ragen zur Stelle und löste den Strick von Cholies Hals. Es schien nichts zu nützen, denn der Mann würgte immer noch und umklammerte mit beiden Händen seine Kehle. Die Augen quollen so weit hervor, dass es aussah, als wollten sie aus den Höhlen treten, und sein Gesicht war violett verfärbt. Arlen stieß einen Schrei aus, als Cholie sich noch einmal aufbäumte und dann reglos liegenblieb.
Ragen schlug mit den Fäusten auf Cholies Brust und blies Atem in seine Lungen, doch es hatte keinen Zweck. Schließlich stellte der Kurier seine Bemühungen ein, sank auf dem Boden in sich zusammen und stieß eine Reihe von Flüchen aus.
Arlen war mit dem Tod vertraut. Dieses Gespenst war ein häufiger Gast in Tibbets Bach. Aber meistens starben die Leute durch einen Angriff der Horclinge oder an einer bösen Erkältung. Was sich hier abgespielt hatte, war jedoch etwas völlig anderes.
»Warum?«, wandte er sich hilflos an Ragen. »Warum hat er letzte Nacht so tapfer gekämpft, nur um sich heute selbst umzubringen?«
»Hat er wirklich gekämpft?«, fragte Ragen. »Hat sich überhaupt jemand gewehrt? Oder sind alle nur weggelaufen, um sich zu verstecken?«
»Ich weiß nicht …«, begann Arlen zögernd.
»Sich zu verstecken genügt nicht immer, Arlen«, fuhr Ragen fort. »Manchmal trägt das sich Verstecken dazu bei, dass etwas in dir getötet wird. Und selbst wenn du dann einen Angriff der Dämonen überlebst, ist ein Teil von dir doch abgestorben.«
»Was hätte er denn tun können, außer davonzurennen und sich zu verstecken?«, begehrte Arlen auf. »Gegen einen Dämon kann man nicht kämpfen.«
»Lieber würde ich einem Bär in seiner eigenen Höhle entgegentreten«, gab Ragen zu, »aber unbesiegbar sind die Dämonen nicht.«
»Sagtest du nicht vorhin, die Krasianer stürben aus, weil sie sich gegen die Dämonen zur Wehr setzen?«, protestierte Arlen.
»Das stimmt ja auch«, räumte der Kurier ein, »aber die Krasianer folgen ihren Herzen. Ich weiß, es klingt verrückt, Arlen, aber tief in ihrem Innern sehnen die Männer sich danach zu kämpfen, so wie es früher üblich war. Die alten Legenden berichten davon. Sie wollen ihre Frauen und Kinder beschützen, weil es die Aufgabe eines Mannes ist, seine Familie vor Unheil zu bewahren. Aber sie können es nicht, weil die Großen Siegel verloren gingen. Deshalb kauern sie sich wie in Käfige eingesperrte Hasen zusammen und verstecken sich voller Angst die ganze Nacht über. Manchmal jedoch, besonders wenn jemand mitansehen musste, wie geliebte Menschen sterben, wird die Anspannung zu viel und die Person dreht einfach durch.«
Er legte eine Hand auf Arlens Schulter. »Es tut mir leid, dass du so etwas Furchtbares miterleben musstest, Junge. Ich weiß, es ergibt für dich noch keinen Sinn …«
»Oh doch«, widersprach Arlen. »Ich verstehe sehr gut, was du meinst.«
Tatsächlich erkannte Arlen in diesem Moment, dass es notwendig war zu kämpfen. Als er damals Cobie und dessen Kumpane angegriffen hatte, hatte er gar nicht erwartet, sie zu besiegen. Vielmehr hatte er damit gerechnet, von der Bande fürchterlich zusammengeschlagen zu werden. Aber in dem Moment, als er nach dem Knüppel griff, war ihm das einerlei gewesen. Er wusste nur, dass er es leid war, sich ständig von diesen Rüpeln schikanieren zu lassen, und er wollte diese Situation beenden, egal wie.
Es war tröstlich zu wissen, dass er mit seiner Einstellung nicht allein dastand.
Arlen blickte auf seinen Onkel, der im Staub lag, die Augen vor Furcht weit aufgerissen. Er kniete nieder, streckte eine Hand aus und drückte die Lider mit den Fingerspitzen zu. Cholie brauchte vor nichts mehr Angst zu haben.
»Hast du schon mal einen Horcling getötet?«, fragte er den Kurier.
»Nein.« Ragen schüttelte den Kopf. »Aber mit etlichen habe ich gekämpft. Meine Narben beweisen es. Aber ich war immer mehr darauf aus, mich zu verteidigen oder die Dämonen von anderen Leuten fernzuhalten, als einen von ihnen umzubringen.«
Arlen dachte darüber nach, als sie Cholie in eine Plane wickelten, ihn auf die Ladefläche des Karrens hoben und dann schleunigst zum Weiler der Holzfäller zurückfuhren. Jeph und Silvy hatten ihr Fuhrwerk bereits bepackt und warteten ungeduldig auf Arlen, damit sie endlich aufbrechen konnten. Doch beim Anblick des Leichnams verflog ihr Ärger über Arlens späte Rückkehr.
Silvy fing an zu weinen und warf sich über ihren toten Bruder, doch sie durften keine Zeit verlieren, wenn sie ihren Hof noch vor Einbruch der Nacht erreichen wollten. Jeph musste Silvy festhalten, als der Fürsorger Harral ein Schutzzeichen auf die Persenning malte und ein Gebet anstimmte, ehe er Cholie auf den Scheiterhaufen legte.
Die Überlebenden, die nicht im Haus von Brine Holzfäller übernachteten, wurden aufgeteilt und von den anderen mit nach Hause genommen. Jeph und Silvy hatten zwei Frauen ihre Hilfe angeboten. Norine Holzfäller war über fünfzig Sommer alt. Ihr Mann war vor ein paar Jahren gestorben, und bei dem Angriff hatte sie ihre Tochter und den Enkelsohn verloren. Marea Strohballen war auch schon alt, beinahe vierzig. Ihr Mann hatte draußen bleiben müssen, als die anderen ausgelost hatten, wer in den Schutzkeller durfte. Silvy und die beiden Frauen hockten in sich zusammengesunken hinten auf Jephs Karren und starrten ihre Knie an. Arlen winkte Ragen zum Abschied zu, als sein Vater die Peitsche knallen ließ.
Der Weiler am Waldrand entzog sich bereits seinen Blicken, als Arlen einfiel, dass er niemandem erzählt hatte, dass der Jongleur demnächst eine Vorstellung geben würde.

Wenn es dich treffen würde
Die Zeit reichte gerade noch, um den Karren in Sicherheit zu bringen und die Siegel zu prüfen, ehe die Horclinge kamen. Silvy fehlte die Kraft, um eine ordentliche Mahlzeit zu kochen, deshalb begnügten sie sich mit einem kalten Imbiss aus Brot, Käse und Wurst, den sie ohne Appetit verzehrten. Gleich nach Sonnenuntergang stellten sich die ersten Dämonen ein, um die Siegel zu testen, und jedes Mal, wenn die Magie in einer Stichflamme aufflackerte und die Horclinge zurückwarf, stieß Norine einen schrillen Schrei aus.
Marea rührte ihr Essen nicht einmal an. Sie kauerte auf ihrer Schlafstatt, die Arme fest um die Beine geschlungen, wiegte sich vor und zurück und gab bei jedem Aufflammen der Magie ein jämmerliches Wimmern von sich. Silvy räumte die Teller ab, aber sie kam aus der Küche nicht zurück, und Arlen konnte sie weinen hören.
Er wollte zu ihr gehen, um sie zu trösten, aber Jeph packte ihn beim Arm und hielt ihn fest. »Komm mit mir, Arlen, ich muss mit dir reden«, begann er.
Sie gingen in die kleine Kammer, in der Arlen untergebracht war; hier befanden sich sein Bett, seine Sammlung aus glatten Steinen, die er sich im Bach zusammengeklaubt hatte, sowie eine Kollektion aus Federn und Knochen. Jeph nahm eine grellbunte, ungefähr zehn Zoll lange Feder in die Hand und spielte damit, während er sprach, ohne Arlen in die Augen zu blicken.
Arlen wusste, was das zu bedeuten hatte. Wenn sein Vater ihm nicht ins Gesicht sehen konnte, hieß das, dass es ihm schwerfiel, über ein bestimmtes Thema zu sprechen.
»Was du auf der Straße gesehen hast, als du mit dem Kurier unterwegs warst …«, hob Jeph an.
»Ragen hat es mir erklärt«, fiel Arlen ein. »Onkel Cholie war bereits tot, er wusste es nur noch nicht. Manchmal überleben Leute einen Angriff und sterben trotzdem.«
Jeph furchte die Stirn. »So hätte ich es nicht ausgedrückt«, meinte er. »Aber irgendwie stimmt es schon, denke ich. Cholie …«
»War ein Feigling«, beendete Arlen den Satz.
Verdutzt starrte Jeph ihn an. »Wie kommst du darauf?«, fragte er.
»Er versteckte sich im Keller, weil er Angst hatte zu sterben. Und dann brachte er sich selbst um, weil er Angst hatte zu leben«, erklärte Arlen. »Er hätte lieber eine Axt nehmen und im Kampf fallen sollen.«
»Solches Gerede will ich nicht hören«, ermahnte Jeph ihn. »Gegen Dämonen kann man nichts ausrichten, Arlen. Niemand ist ihnen gewachsen. Es ist nichts dabei gewonnen, wenn man sich in Gefahr begibt und getötet wird.«
Arlen schüttelte den Kopf. »Die Dämonen sind wie gewalttätige Menschen«, behauptete er. »Sie attackieren uns, weil wir zu ängstlich sind, uns zu wehren. Seit ich Cobie und die anderen Jungs mit dem Stock verprügelt habe, lassen sie mich in Ruhe.«
»Cobie ist kein Felsendämon«, hielt Jeph ihm entgegen. »Mit einem Stock kannst du keine Horclinge vertreiben.«
»Irgendeinen Weg muss es geben«, erwiderte Arlen. »Früher haben die Leute doch auch gegen Dämonen gekämpft. In sämtlichen alten Legenden ist davon die Rede.«
»In den Legenden heißt es, es hätte damals magische Siegel gegeben, mit denen man kämpfen konnte«, versetzte Jeph. »Diese Kampfsiegel gingen verloren.«
»Ragen sagt, in manchen Gegenden setzt man sich auch heute noch gegen die Horclinge zur Wehr. Er sagt, sie seien nicht unbesiegbar.«
»Ich werde mir den Kurier mal vorknöpfen müssen«, grummelte Jeph. »Er soll deinen Kopf nicht mit solchem Blödsinn füllen.«
»Warum nicht?«, muckte Arlen auf. »Vielleicht hätten gestern Nacht mehr Menschen überlebt, wenn die Männer sich alle mit Äxten und Speeren bewaffnet hätten …«
»Dann wären sie jetzt genauso tot«, fiel Jeph ihm ins Wort. »Es gibt andere Methoden, um sich und seine Familie zu schützen, Arlen. Weisheit. Klugheit. Demut. Man ist kein Held, wenn man sich in einen Kampf stürzt, den man nicht gewinnen kann.
Wer soll sich um die Frauen und Kinder kümmern, wenn alle Männer getötet werden, weil sie versuchen, einen Feind zu bezwingen, der nicht zu besiegen ist?«, fuhr er fort. »Wer soll das Holz fällen und die Häuser bauen? Wer soll auf die Jagd gehen, Vieh züchten, die Äcker bestellen und Tiere schlachten? Wer soll mit den Frauen Kinder zeugen? Wenn alle Menschen im Kampf sterben, haben die Horclinge die Schlacht gewonnen.«
»Die Horclinge sind so oder so schon dabei, uns zu vernichten«, murmelte Arlen. »Du klagst doch dauernd, die Gemeinde würde von Jahr zu Jahr kleiner. Gewalttäter kommen immer wieder, wenn man sich nicht ein Herz fasst und zurückschlägt.«
Er blickte zu seinem Vater hoch. »Sag, Dad, ist dir denn nie danach zumute? Möchtest du nicht auch manchmal kämpfen?«
»Natürlich möchte ich das, Arlen«, gab Jeph zu. »Aber ich würde es nie grundlos tun. Wenn es darauf ankommt, wenn es wirklich wichtig ist, dann sind alle Männer bereit zu kämpfen. Tiere laufen weg, wenn sie können, und sie kämpfen, wenn es unbedingt sein muss. Bei den Menschen ist das nicht anders. Doch der Wunsch, Gewalt anzuwenden, sollte einen nur dann überkommen, wenn es gar keine andere Möglichkeit mehr gibt.
Aber eines schwöre ich dir, Arlen«, fuhr er fort. »Wenn du da draußen wärst, oder deine Mam, und die Horclinge wollten euch angreifen, dann würde ich kämpfen wie verrückt, um euch zu beschützen. Verstehst du den Unterschied?«
Arlen nickte. »Ich glaube schon.«
»Braver Junge«, meinte Jeph und drückte seine Schulter.

In dieser Nacht träumte Arlen von Hügeln, die so hoch waren, dass sie den Himmel berührten, und riesengroßen Teichen, auf deren Oberfläche eine ganze Stadt Platz fand. Er schaute über ungeheure gelbe Sandflächen, die sich in der Ferne verloren, und in einem dichten Wald verbarg sich eine von Mauern umgebene Festung.
Doch all diese Bilder sah er durch zwei Beine, die langsam vor seinen Augen hin und her pendelten. Und als er den Blick hob, erkannte er sein eigenes Gesicht, das sich in der Schlinge violett verfärbte.
Mit einem Ruck wachte er auf; sein Bettzeug war von Schweiß durchnässt. Es war noch dunkel, aber am Horizont zeichnete sich ein schwacher Lichtschimmer ab, wo der indigoblaue Himmel in ein mattes Rot überging. Er zündete einen Kerzenstumpf an, zwängte sich in seine Latzhose und stolperte hinaus in die Wohnstube. Auf einer Brotkruste kauend, griff er nach dem Eierkorb und den Milchkannen und stellte alles neben der Tür ab.
»Du bist ja früh auf«, hörte er hinter sich eine Stimme. Erschrocken warf er sich herum und sah Norine, die ihn anstarrte. Marea lag noch auf ihrem behelfsmäßigen Bett, doch sie wälzte sich im Schlaf unruhig hin und her.
»Der Tag wird nicht länger, wenn man morgens lange schläft«, entgegnete er.
Norine nickte. »Das sagte mein Mann auch immer«, erzählte sie. »Bauern und Holzfäller können nicht bei Kerzenschein arbeiten, so wie die Leute, die rings um den Stadtplatz ihre Werkstätten betreiben.«
»Ich habe viel zu tun«, erwiderte Arlen und linste durch die Fensterläden, um nachzusehen, wie lange es noch dauern würde, bis er gefahrlos den durch Siegel geschützten Bereich verlassen konnte. »Heute Mittag gibt der Jongleur eine Vorstellung.«
»Das dachte ich mir«, entgegnete Norine. »Als ich in deinem Alter war, gab es für mich nichts Wichtigeres auf der Welt als den Jongleur. Ich helfe dir bei der Arbeit.«
»Danke, aber das ist nicht nötig«, lehnte Arlen höflich ab. »Mein Dad sagt, du brauchst jetzt Ruhe.«
Norine schüttelte den Kopf. »Wenn ich untätig herumsitze, kreisen meine Gedanken doch nur um Dinge, über die ich besser nicht nachdenken sollte. Solange ich bei euch wohne, will ich mir Kost und Logis verdienen. Früher habe ich Bäume gefällt. Glaubst du, da wäre es für mich zu anstrengend, die Schweine zu füttern und Mais zu pflanzen?«
Arlen zuckte die Achseln und reichte ihr den Eierkorb.
Mit Norines Hilfe ging die Arbeit zügig voran. Sie lernte schnell, und harte Arbeit machte ihr nichts aus. Durch ihren Umgang mit der Holzfälleraxt war sie beinahe so stark wie ein Mann und vermochte schwere Lasten zu heben. Als dann das Aroma von gebratenen Eiern mit Speck vom Haus herüberwehte, waren sämtliche Tiere gefüttert, die frisch gelegten Eier eingesammelt und die Kühe gemolken.
»Hör auf herumzuhampeln und sitz still!«, ermahnte Silvy Arlen beim Frühstück.
»Der Junge kann es nicht abwarten, den Jongleur zu sehen«, warf Norine ein.
»Vielleicht kannst du morgen zu seiner Vorstellung«, verkündete Jeph. Arlen war entsetzt.
»Was?«, schrie er. »Aber …«
»Kein Wenn und Aber«, schnitt Jeph ihm das Wort ab. »Gestern ist eine Menge Arbeit liegengeblieben, und ich habe Selia versprochen, am Nachmittag zu den Holzfällerhütten zu kommen und die Leute zu unterstützen.«
»Lass den Jungen ruhig zur Vorstellung gehen«, sagte Norine, nachdem Arlen vom Tisch aufgestanden war. »Marea und ich können seine Aufgaben übernehmen.« Marea hob den Kopf, als sie ihren Namen hörte, doch schon im nächsten Moment stocherte sie wieder wie abwesend in ihrem Essen herum.
»Arlen hatte gestern einen anstrengenden Tag«, wandte Silvy ein. Sie biss sich auf die Lippe. »Er hat eine Menge durchgemacht. Wir alle wurden schwer geprüft. Vielleicht kann der Jongleur ihn ein bisschen aufmuntern. Schließlich gibt es im Moment nichts zu tun, was nicht ohne weiteres um einen Tag aufgeschoben werden könnte.«
Nach einer Weile nickte Jeph. »Arlen!«, rief er. Als der Junge mit schmollendem Gesicht auftauchte, fragte Jeph: »Wie viel verlangt der alte Vielfraß, damit man die Vorstellung des Jongleurs sehen darf?«
»Von mir verlangt er gar nichts«, erwiderte Arlen hastig, um seinem Vater keinen Grund zu geben, ihm das Vergnügen zu verweigern. »Weil ich geholfen habe, das Zeug vom Karren des Kuriers abzuladen und ins Haus zu schleppen.« Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, und vermutlich würde der alte Vielfraß es ihm übel nehmen, weil er vergessen hatte, den Leuten vom Auftritt des Jongleurs zu erzählen; aber wenn es ihm gelang, unterwegs die Nachricht zu verbreiten und genügend Zuschauer anzulocken, ließ Rusco ihn vielleicht für die zwei Kredits, die er ihm gutgeschrieben hatte, bei der Vorstellung zuschauen.
»Wenn der Kurier hier eintrifft, gebärdet sich der alte Vielfraß immer großzügig«, kommentierte Norine.
»Das sollte er auch, nachdem er uns den ganzen Winter über ausgeplündert hat«, erwiderte Silvy.
»Na schön, Arlen, von mir aus kannst du zum Jongleur gehen«, erklärte Jeph. »Und später kommst du nach zu den Holzfällern.«

Der Marsch zum Weiler Stadtplatz dauerte über zwei Stunden, wenn man dem Weg folgte. Er war nichts weiter als eine Karrenspur aus festgestampfter Erde, die Jeph und ein paar andere Einheimische befahrbar hielten. Die Trasse verlief in einem weiten Bogen zur Brücke, die den Bach an seiner flachsten Stelle überspannte. Ein flinker und gewandter Junge wie Arlen konnte die Strecke halbieren, indem er einfach über die glitschigen Steine hüpfte, die aus dem Wasser herausragten.
Heute hatte Arlen es eiliger denn je, denn er wollte unterwegs mehrere Male einen Halt einlegen. In halsbrecherischem Tempo flitzte er das schlammige Bachufer entlang, wobei er tückischen Wurzeln und Sträuchern mit einem Selbstvertrauen und einer Trittsicherheit auswich, die man sich nur erwirbt, wenn man eine bestimmte Route unzählige Male zurückgelegt hat.
Bei jedem Gehöft, an dem er vorbeikam, rannte er aus dem Dickicht heraus, doch nirgendwo traf er eine Menschenseele an. Alle waren entweder bei der Feldarbeit oder bei den Holzfällerhütten, um beim Wiederaufbau zu helfen.
Die Mittagsstunde rückte heran, als er das Dorf Fischweiher erreichte. Draußen auf dem kleinen Teich saßen ein paar Fischer in ihren Kähnen, aber Arlen hielt es für sinnlos, sie zu rufen und ihnen von der Vorstellung zu erzählen. In den Häusern traf er niemanden an.
Als er in Stadtplatz eintrudelte, fühlte er sich niedergeschlagen. Tags zuvor hatte Rusco sich zwar freundlicher als sonst gezeigt, aber Arlen hatte schon erlebt, wie er sich aufführen konnte, wenn jemand ihm ein Geschäft vermasselte. Auf gar keinen Fall würde er Arlen den Jongleur für nur zwei Kredits sehen lassen. Er durfte sich noch glücklich schätzen, wenn der Ladenbesitzer ihm nicht mit der Rute das Fell gerbte.
Doch als er sich dann dem freien Platz im Ortskern näherte, drängten sich dort bereits mehr als dreihundert Leute aus der Gemeinde Tibbets Bach. Von überallher waren sie gekommen – von Fischweiher, aus Sumpfland, Torfhügel und von den bäuerlichen Gehöften. Ganz zu schweigen von den Anrainern des Platzes; er erkannte die Angehörigen der verschiedenen Berufsstände wie Schneider, Müller, Bäcker und so fort mitsamt ihren Familienangehörigen. Aus dem Flecken Südwache war natürlich niemand in Erscheinung getreten. Die Leute, die dort wohnten, hatten für Jongleure nichts übrig.
»Arlen, mein Junge!«, rief der alte Vielfraß, als er ihn erspähte. »Ich habe dir einen Platz gleich in der ersten Reihe reserviert, und heute Abend wirst du mit einem Sack voll Salz nach Hause gehen! Gut gemacht!«
Verdutzt starrte Arlen ihn an, bis er Ragen entdeckte, der neben Rusco stand. Der Kurier zwinkerte ihm komplizenhaft zu.
»Ich danke dir«, flüsterte Arlen, als Rusco wegging, um den nächsten Neuankömmling in sein Geschäftsbuch einzutragen. Dasy und Catrin verkauften Leckereien und Bier an die Zuschauer.
»Die Leute haben ein bisschen Zerstreuung verdient«, meinte Ragen achselzuckend. »Aber anscheinend will euer Fürsorger ein Wörtchen mitreden.« Er deutete auf Keerin, der in eine Unterredung mit Fürsorger Harral vertieft war.
»Und dass du mir meine Herde ja nicht mit irgendeinem Schwachsinn über den sogenannten Fluch beunruhigst«, forderte Harral mit Nachdruck und stach mit dem Finger auf Keerin ein. Er wog doppelt so viel wie der Jongleur, aber er schien nur aus Muskeln zu bestehen, ohne ein Gramm Fett.
»Schwachsinn?«, stammelte Keerin, der blass geworden war. »In Miln hängen die Fürsorger jeden Jongleur, der nichts von dem Fluch erzählt, am nächsten Ast auf.«
»Es interessiert mich nicht, was in den Freien Städten üblich ist«, betonte Harral. »Hier wohnen wackere Leute, und sie haben es schon schwer genug, ohne dass du ihnen den Floh ins Ohr setzt, sie müssten so viel Leid erdulden, weil sie nicht fromm genug sind!«
»Was …?«, begann Arlen, aber in diesem Moment wandte sich Keerin von dem Fürsorger ab und steuerte auf die Mitte des Platzes zu.
»Jetzt solltest du dir schleunigst einen Platz suchen«, riet Ragen.

Wie Rusco versprochen hatte, war direkt in der ersten Reihe ein Platz für ihn freigehalten worden, in einem Bereich, der normalerweise den kleineren Kindern vorbehalten blieb. Die anderen schielten neidisch zu ihm hinüber, und Arlen kam sich sehr wichtig vor. Es passierte nur selten, dass man ihn wegen irgendetwas beneidete.
Der Jongleur war groß gewachsen, wie alle Milneser; er trug ein Gewand aus knallbunten Tuchfetzen, die aussahen, als hätte er sie aus der Abfalltonne eines Färbers gestohlen. Sein Kinn zierte ein flusiger Spitzbart von derselben karottenroten Tönung wie sein Haupthaar; der Schnäuzer bedeckte gerade mal die Oberlippe, und die ganze Barttracht sah aus, als könnte man sie durch gründliches Waschen wegschrubben. Jeder, besonders die Frauen, bewunderte sein glänzend rotes Haar und die grünen Augen.
Während immer mehr Menschen auf den Platz strömten, tänzelte Keerin hin und her, jonglierte mit den bunten Holzkugeln, erzählte Witze und lockerte die allgemeine Stimmung auf. Als Rusco ihm dann das vereinbarte Zeichen gab, holte er seine Laute, fing an zu spielen und begann mit einer kräftigen, hohen Stimme zu singen. Die Leute klatschten den Takt zu den Liedern, die sie nicht kannten, doch jedes Mal, wenn er eines anstimmte, das auch in Tibbets Bach gesungen wurde, fielen sämtliche Zuhörer mit ein, wobei es ihnen nichts ausmachte, wenn sie den Jongleur übertönten. Auch Arlen störte es nicht, er schmetterte die vertrauten Weisen genauso laut wie alle anderen.
Auf den musikalischen Teil folgten akrobatische Kunststücke und Zaubertricks. Zwischendurch machte Keerin ein paar Scherze über Ehemänner, welche die Frauen mit kreischendem Gelächter belohnten, während die Männer die Stirn runzelten; zum Ausgleich gab er anschließend einige Witze über Ehefrauen zum Besten, bei denen die Männer sich vor Lachen bogen und auf die Schenkel klatschten, ohne sich um die wütenden Blicke der Frauen zu kümmern.
Schließlich legte der Jongleur eine Pause ein, hob die Hände und bat um Ruhe. In der Menge machte sich Gemurmel breit, und Eltern schoben ihre Kinder nach vorn, damit sie ja nichts verpassten. Die kleine Jessi vom Weiler Torfhügel, die erst fünf war, kletterte einfach auf Arlens Schoß, um besser sehen zu können. Vor Wochen hatte Arlen ihrer Familie ein paar Welpen geschenkt, die Jephs Hunde geworfen hatten, und nun klammerte sie sich an ihn, wann immer er in ihre Nähe kam. Er hielt sie fest, als Keerin mit der Erzählung von der Rückkehr begann; seine hohe Stimme senkte sich zu einem tiefen, dröhnenden Bass, der bis zu den Zuhörern in den hintersten Reihen vordrang.
»Die Welt war nicht immer so, wie ihr sie heute seht«, erzählte der Jongleur den Kindern. »Oh nein! Es gab einmal eine Zeit, in der die Menschen mit den Dämonen in einer Art Gleichgewicht lebten. Diese frühen Jahre nennt man das Zeitalter der Unwissenheit. Weiß jemand von euch, warum es so heißt?« Er blickte die vorne sitzenden Kinder an, und mehrere hoben die Hand.
»Weil es noch keine Siegel gab?«, mutmaßte ein Mädchen, als Keerin auf sie zeigte.
»Ganz recht!«, lobte der Jongleur die Kleine und schlug einen Purzelbaum, der den Kindern Jubelschreie entlockte. »Das Zeitalter der Unwissenheit war für uns eine Epoche voller Furcht, doch damals gab es noch nicht so viele Dämonen, und sie konnten nicht alle Menschen töten. Es ging ähnlich zu wie heute – was wir tagsüber aufbauten, wurde des Nachts von den Dämonen wieder zerstört.
Während wir um unser Überleben kämpften«, fuhr Keerin fort, »passten wir uns an. Wir lernten, wie man Nahrungsmittel und das Vieh vor den Dämonen verbirgt, und wie man ihnen aus dem Weg gehen kann.« Er tat so, als blicke er in panischer Angst in die Runde, dann flitzte er los und versteckte sich mit allen Anzeichen des Entsetzens hinter einem Kind. »Wir hausten in Löchern, die wir in den Erdboden gegraben hatten, damit sie uns nicht aufspürten.«
»Wie Kaninchen?«, piepste Jessi und fing vergnügt an zu lachen.
»Genau so!«, schrie Keerin, legte seine Hände hinter die Ohren und wackelte mit den Fingern; dann hopste er auf und ab und zuckte dabei mit der Nase.
»Wir unternahmen alles Mögliche, um uns zu schützen«, erzählte er weiter, »bis wir schreiben lernten. Und schon bald merkten wir, dass es einige Schriftzeichen gab, die die Horclinge von uns fernhalten konnten. Und was sind das für Schriftzeichen?«, fragte er, eine Hand hinter eine Ohrmuschel haltend.
»Siegel!«, brüllten sämtliche Zuschauer im Chor.
»Richtig!« Der Jongleur belohnte die Antwort mit einem Salto. »Mit Siegeln konnten wir uns vor den Dämonen schützen, und im Laufe der Zeit bekamen wir immer mehr Übung darin, sie anzuwenden. Bis jemand sogar entdeckte, dass die Siegel weit mehr vermochten, als die Dämonen lediglich abzuschrecken. Sie konnten ihnen Schaden zufügen, sie verletzen.« Die Kinder schnappten nach Luft, und auch Arlen, der fast dieselbe Geschichte Jahr für Jahr gehört hatte, seit er sich erinnern konnte, merkte, dass er vor Spannung den Atem einsog. Was er nicht darum geben würde, ein solches Siegel zu kennen!
»Die Dämonen waren über die Entwicklung der Dinge natürlich wütend«, fuhr Keerin breit grinsend fort. »Sie waren daran gewöhnt, dass wir vor ihnen davonrannten und uns versteckten. Und als wir ihnen nun die Stirn boten und sie angriffen, wehrten sie sich. Mit aller Macht. So begannen der Erste Dämonenkrieg und die zweite Ära, das Zeitalter des Erlösers.
Der Erlöser war ein Mann, den der Schöpfer uns schickte, damit er unsere Armeen befehligte. Und mit ihm als Anführer errangen wir Siege!« Er fuchtelte mit einer Faust in der Luft herum, und die Kinder jubelten. Die Begeisterung wirkte ansteckend, und in seinem Überschwang kitzelte Arlen die kleine Jessie, die laut zu kichern anfing.
»Unsere Magie und unsere Kampftaktik verbesserten sich immer weiter«, erzählte Keerin, »die Menschen vermehrten sich und durften auf ein längeres Leben hoffen. Unsere Armeen wurden größer, auch dann noch, als sich die Anzahl der Dämonen verringerte. Es wuchs die Hoffnung, dass es uns gelingen würde, die Horclinge ein für alle Mal auszumerzen.«
An diesem Punkt legte der Jongleur eine Pause ein und verzog säuerlich das Gesicht. »Und ganz plötzlich«, hob er wieder an, »ohne Vorwarnung, hörten die Dämonen auf, uns zu belästigen. Sie kamen ganz einfach nicht mehr. Noch nie zuvor in der Geschichte der Welt hatte es eine Nacht ohne Horclinge gegeben. Nun jedoch verging eine Nacht nach der anderen, ohne dass sie sich blicken ließen, und das verblüffte uns über alle Maßen.« In gespielter Verwirrung kratzte er sich am Kopf. »Viele Leute glaubten, dass die Dämonen in den Kriegen so große Verluste erlitten hatten, dass sie den Kampf aufgaben und sich furchtsam im Horc versteckten.« Er nahm eine kauernde Haltung an, fauchte wie eine Katze und tat so, als würde er vor Angst bibbern. Ein paar Kinder gingen auf das Spiel ein und knurrten ihn drohend an.
»Der Erlöser«, fuhr Keerin fort, »der gesehen hatte, wie die Dämonen jede Nacht unverdrossen kämpften, teilte diese Ansicht nicht. Doch als Monate verstrichen, ohne dass jemand auch nur einen Dämon zu Gesicht bekommen hatte, lösten sich seine Armeen allmählich auf.
Jahrelang triumphierten die Menschen, weil sie dachten, sie hätten die Horclinge besiegt«, erklärte Keerin. Er griff nach seiner Laute, klimperte eine flotte Melodie und tanzte herum. »Doch dann trat eine völlig neue, unerwartete Entwicklung ein. Seit eh und je waren die Menschen durch einen gemeinsamen Feind vereint gewesen, und als es diesen Gegner nicht mehr gab, begann sich der Zusammenhalt nach und nach zu lockern. Die Bruderschaften zerbröckelten, bis es keine Solidarität mehr gab. Und so kam es, dass sich die Menschen zum ersten Mal in ihrer Geschichte gegenseitig bekämpften.« Die Stimme des Jongleurs nahm einen düsteren Klang an. »Als der Krieg ausbrach, rief man von allen Seiten nach dem Erlöser und forderte ihn auf, die Heere anzuführen. Doch der verkündete: ›Ich werde nicht gegen Menschen kämpfen, solange noch ein einziger Dämon im Horc weilt!‹ Er wandte sich ab und verschwand, während Armeen ins Feld zogen und das ganze Land im Chaos versank.
Aus diesen großen Kriegen gingen mächtige Nationen hervor«, erklärte Keerin in erhebendem Ton, »die Menschheit breitete sich in alle Richtungen aus und besiedelte die ganze Welt. Das Zeitalter des Erlösers endete, und es folgte das Zeitalter der Wissenschaft.
Das Zeitalter der Wissenschaft«, dozierte der Jongleur, »kann man wahrlich als einen Höhepunkt der Menschheitsgeschichte bezeichnen. Doch während dieser Epoche begingen wir auch unseren größten Fehler. Ist jemand hier, der weiß, wovon ich spreche?« Die älteren Kinder wussten natürlich Bescheid, aber Keerin gab ihnen ein Zeichen, zu schweigen und den jüngeren die Antwort zu überlassen.
»Wir vergaßen die Magie«, piepste Gim aus dem Tal der Holzfäller und wischte sich die Nase mit dem Handrücken ab.
»Du hast Recht!«, lobte Keerin und schnippte mit den Fingern. »Wir lernten eine Menge über die Vorgänge der Welt, über Medizin und Maschinen, aber wir verlernten die Magie. Und was noch schlimmer war, wir dachten nicht mehr an die Horclinge. Nachdem dreitausend Jahre ins Land gegangen waren, glaubte niemand mehr, dass es tatsächlich einmal Dämonen gegeben hatte.
Und deshalb«, schloss er grimmig, »waren wir völlig unvorbereitet, als sie zurückkamen. Während die Welt sich jahrtausendelang um ihre eigenen Belange kümmerte und aufhörte, sich mit den Dämonen zu beschäftigen, hatten sich die Horclinge vermehrt. Eines Tages, vor dreihundert Jahren, stiegen sie eines Nachts in Heerscharen aus dem Horc herauf an die Oberfläche, um die Welt zurückzuerobern.
In der ersten Nacht wurden ganze Städte zerstört, als die Horclinge ihre Rückkehr wie in einem Rausch feierten. Die Menschen wehrten sich, doch selbst die mächtigen Waffen aus dem Zeitalter der Wissenschaft konnten gegen die große Zahl der Dämonen nichts ausrichten. Das Zeitalter der Wissenschaft gelangte zu einem jähen Ende und wurde vom Zeitalter der Zerstörung abgelöst. Der Zweite Dämonenkrieg hatte begonnen.«
Vor Arlens geistigem Auge entstand ein Bild von den entsetzlichen Vorgängen, die sich in jener Nacht abgespielt hatten. Er sah brennende Städte, aus denen die Menschen in Panik flüchteten, nur um von den ihnen auflauernden Horclingen zerfleischt zu werden. Er sah Männer, die sich opferten, um ihren Familien die notwendige Zeit für eine Flucht zu verschaffen, er sah Frauen, die sich den tödlichen Krallen entgegenwarfen, welche nach ihren Kindern griffen. Vor allem sah er tanzende Horclinge, die in wilder Ausgelassenheit herumtobten, während das Blut von ihren Zähnen und Klauen tropfte.
Keerin pirschte sich zu den ersten Sitzreihen vor, und die kleineren Kinder wichen furchtsam zurück. »Der Krieg dauerte ein paar Jahre, und unaufhörlich wurden die Menschen grausam abgeschlachtet. Ohne einen Anführer wie den Erlöser waren sie den Horclingen nicht gewachsen. Über Nacht gingen stolze Nationen unter, und das gesamte Wissen aus der letzten Epoche, die ein Zeitalter der Erkenntnisse gewesen war, verbrannte, als Flammendämonen ihr Unwesen trieben.
In den kümmerlichen Resten, die von den einstmals großartigen Bibliotheken übrig geblieben waren, suchten die Gelehrten verzweifelt nach Antworten. Die alten Wissenschaften boten keine Hilfe, doch schließlich entdeckten sie nützliche Hinweise in Legenden, die man früher als fantastische Geschichten und abergläubischen Humbug abgetan hatte. Die Menschen begannen wieder, grobe Symbole in den Erdboden zu ritzen, die die Horclinge fernhalten sollten. Die altertümlichen Siegel hatten ihre Macht nicht verloren, aber die zitternden Hände, die sie zeichneten, machten oftmals Fehler, und dafür mussten die Leute bitter büßen.
Diejenigen, die überlebten, holten andere Menschen zu sich, um sie während der langen Nächte zu schützen. Diese Männer wurden die ersten Bannzeichner, ein Berufsstand, der uns bis zum heutigen Tag beschützt.« Der Jongleur riss einen Arm hoch und deutete mit ausgestrecktem Finger auf die Menge. »Und wenn ihr das nächste Mal einem Bannzeichner begegnet, dann bedankt euch bei ihm, weil er euch Nacht für Nacht das Leben rettet.«
Diese Variation der Geschichte hatte Arlen noch nie gehört. Bannzeichner? In Tibbets Bach lernte jeder das Anfertigen von Schutzzeichen, sowie er nur alt genug war, mit einem Stock Striche zu malen. Viele Leute besaßen kein großes Talent dazu, aber Arlen konnte sich nicht vorstellen, dass es Menschen gab, die sich nicht die Zeit nahmen, um sich die grundlegenden Symbole zur Abwehr von Flammen-, Felsen-, Wasser-, Wind- und Walddämonen einzuprägen.
»Jetzt bleiben wir innerhalb der von den Siegeln gesicherten Grenzen«, erklärte Keerin, »und überlassen es den Dämonen, sich draußen allein auszutoben. Kuriere«, fuhr er mit dramatisch erhobener Stimme und einer Geste auf Ragen fort, »die tapfersten aller Männer, reisen für uns von einer Stadt zur anderen. Sie bringen uns Neuigkeiten und begleiten Reisende sowie Wagentrecks.«
Er stolzierte hin und her und fasste die ängstlich dreinblickenden Kinder fest ins Auge. »Aber wir sind stark«, sprach er sie an, »nicht wahr?«
Die Kinder nickten, doch in ihren Gesichtern spiegelte sich immer noch Furcht.
»Was?«, hakte er nach, eine Hand hinter sein Ohr legend.
»Ja!«, brüllten die Zuhörer.
»Sind wir für den Erlöser bereit, wenn er zurückkommt?«, wollte er wissen. »Werden die Dämonen wieder lernen, die Menschen zu fürchten?«
»Ja!«, donnerte die Menge.
»Sie können euch nicht hören!«, schrie der Jongleur.
»Ja!«, grölten die Leute und reckten die Fäuste hoch; Arlen machte begeistert mit. Jessi ahmte ihn nach, schwenkte ihre kleine Faust und kreischte, als sei sie selbst ein Dämon. Der Jongleur verbeugte sich, und nachdem das Publikum sich beruhigt hatte, nahm er seine Laute und stimmte das nächste Lied an.
zurück zur Feature-Startseite
