Boris Koch - Die zauberhaften Geheimnisse des »Königsschlüssels«







Ein fantastisches Abenteuer beginnt

Es ist der Tag des Königs. Der Tag, an dem der Herrscher mit dem Schlüssel aufgezogen wird, um für ein weiteres Jahr regieren zu können. Da geschieht das Unfassbare: Vor den Augen des versammelten Volks stürzen dunkle Vögel vom Himmel herab und stehlen den Königsschlüssel. Fortan steht der König still. Als man den Schlüsselbauer für die Tat verantwortlich macht und ihn in den Kerker wirft, macht sich seine Tochter auf, den wahren Schuldigen zu finden. Es wird eine Reise, die das Mädchen und ihr Land für immer verändern wird…

Kathleen Weise und Boris Koch Illustriert wurde die phantastische Geschichte von der Künstlerin Ben, deren im Buch enthaltene Bilder ihr euch hier schon einmal anschauen könnt. Als besonderes Special haben die Autoren Boris Koch und Kathleen Weise die zauberhaften Illus für euch kommentiert!

 

Königsschlüssel Illustration 1Kathleen Weise: Im Grunde ist Der Königsschlüssel ein modernes Märchen für Leser zwischen 10 und 99 Jahren. Daher passen auch die Zeichnungen der Illustratorin Ben sehr schön dazu. Sie hat nicht versucht, möglichst realistisch wiederzugeben, was wir aufgeschrieben haben, sondern die Stimmung der einzelnen Szenen erfasst und diese sehr originell umgesetzt. Die Bilder besitzen etwas Schräges, das den Ton des Königsschlüssels widerspiegelt.

Boris Koch: Vela, ein dreizehnjähriges Mädchen, kommt zu Beginn des Romans in die Königsstadt Marinth, in der sich die unterschiedlichsten Menschen aus allen Ecken des Landes tummeln, denn die jährliche Schlüsselzeremonie steht an, bei der der mechanische König des Landes aufgezogen wird, um weiter zu regieren. Es wird ausgelassen gefeiert und getrunken, das große Turnier wird stattfinden und ein großer Markt, auf dem die von der langen Reise ausgehungerte Vela erst einmal in Teig geschlagene Feueräpfel verschlingt, daher die Fressbude mit dem Apfel auf dem Dach.

Königsschlüssel Illustration 2

Boris Koch: Und schon auf dem nächsten Bild ist es mit dem Feiern und der guten Laune vorbei. Ein riesiger schwarz gefiederter Vogel stürzt während der Zeremonie vom Himmel und entreißt dem armen Königsmechaniker den Königsschlüssel, mit dem dieser eben den König aufziehen wollte.

Kathleen Weise: Mich erinnert der Vogel irgendwie an eine Mücke mit diesem spitzen Schnabel. Und dazu die Flügel wie Spinnweben. Sehr unangenehm! Und genau das soll er ja auch sein. Immerhin raubt er den Königsschlüssel und so beginnt ja die ganze Misere für Vela, die gerade noch begeistert nach Marinth gekommen ist. Denn der Königsmechaniker ist ihr Vater, und dieser wird für den Verlust des Schlüssels verantwortlich gemacht und ins Gefängnis geworfen. Sollte der König nicht binnen eines Jahres wieder zum Laufen gebracht werden, droht ihm gar der Tod.

Königsschlüssel Illustration 3

Kathleen Weise: Die Ritter des großen Turniers. Sie sehen so aus, wie sie in ihrem Inneren tatsächlich sind. Jedes Detail gibt Aufschluss über ihre Persönlichkeit und zeigt auch, womit sie im Turnier kämpfen. Auch die Wappentiere spiegeln das wider. In einer Stadt wie Marinth, in der ein mechanischer König herrscht, trifft man eben allerlei merkwürdige Gestalten.

Boris Koch: Sehen sie nicht aus wie wahre Helden? Natürlich möchte jeder Junge so ein Ritter werden, wenn er groß ist, ganz besonders Cephei, unsere zweite Hauptfigur neben Vela. Noch schuftet er in einem Gasthof, doch er träumt davon, Knappe zu werden und in den Dienst eines solchen Heroen zu treten.
Als Zuschauer würde ich beim Turnier mein Geld ja auf den riesigen Kerl in der Mitte setzen, aber wahrscheinlich überrascht der stachlige kleine Bursche rechts dann alle.

Königsschlüssel Illustration 4

Boris Koch: Und schon liegt Marinth weit hinter uns. Wir sind mitten im dunklen Rauschwald, hier fahren keine Kutschen und es gibt keine Imbissbuden mit Feueräpfeln oder Fingerfischen. Hier steht etwas, das die Bewohner der Königsstadt nur aus Geschichten kennen und dennoch fürchten: ein Hexenhaus.

Kathleen Weise: Das Hexenhaus ist natürlich unsere Hommage an die Baba Yaga aus den osteuropäischen Märchen. Ein Haus auf einem Vogelfuß, das jederzeit hingehen kann, wohin es will. Solche Häuser wären praktisch. Es würde einen überallhin tragen und man hätte immer alles bei sich und ein Dach über dem Kopf. Wir sollten solche Häuser bauen.

Königsschlüssel Illustration 5Kathleen Weise: Sanjorkh, die Ruinenstadt. Ein Bild wie aus einem Alptraum. Diese Stadt ist das Gegenstück zu Marinth, der königlichen Hauptstadt. Dem, was hier noch lebt, will man lieber nicht begegnen. Und ausgerechnet durch diesen Ort des Grauens müssen Vela und Cephei laufen. Kein Wunder, dass sie sich dabei ständig über die Schulter sehen. Wer Sanjorkh gebaut hat, wissen die Menschen nicht mehr, die Stadt war schon eine Ruine, als der mechanische König vor vielen hundert Jahren in das Land kam. Niemand hat versucht, sie wieder bewohnbar zu machen, und dafür gibt es gute Gründe …

Boris Koch: Gründe, die wir hier jetzt natürlich nicht verraten. Aber wer genau hinschaut, kann auf dem Bild eines der dort lebenden Wesen erkennen. Oder zumindest erahnen. Die Stadt als dunkler Strudel, der einen hinabzieht, das trifft es wirklich sehr gut.

Königsschlüssel Illustration 6

Boris Koch: Wenn ich mich auf eines der Bilder als mein liebstes festlegen müsste, wäre es wohl dieses. Auch wenn ich froh bin, mich nicht festlegen zu müssen … Es ist ein gigantischer Schrottfluss, der sich hier quer durch das Land frisst, weit und breit ist keine Brücke zu sehen, und natürlich ist es unmöglich, einfach hindurch zu schwimmen; man würde von den dahinwälzenden Schrottteilen zerquetscht, zerrieben und zerschnibbelt werden, alles auf einmal und zugleich. Keine Schifffahrt möglich, kein Ort für einen Badeurlaub, aber es gibt Leute, die dort angeln.

Kathleen Weise: Ich frage mich, wem die Hand gehörte, die da im Vordergrund zu sehen ist – und vor allem, wo ist der Rest des Besitzers? Wahrscheinlich ist das so ein armer Irrer gewesen, der versucht hat, den Schrottfluss zu durchschwimmen … Wie Vela und Cephei den Fluss überqueren? So viel sei verraten: getaucht sind sie nicht.

Königsschlüssel Illustration 7

Kathleen Weise: Apropos festlegen. Das wäre mein Favorit. Vela und der Flaschenzug. Das Bild steht für die Mechanik, die ja im Königsschlüssel eine wichtige Rolle spielt. Es zeigt, wie Vela sich abmüht, aber auch ihre Verbindung zur Mechanik, denn eigentlich will sie ja Mechanikerin werden und bei ihrem Vater in die Lehre gehen. Der ist davon aber nicht begeistert, sie soll lieber wie ihre Mutter Turmwächterin werden. Aber das ist Vela zu langweilig. Stundenlang den Horizont beobachten. Nein danke!

Boris Koch: Da verstehe ich Vela voll und ganz. Einmal auf dem Turm stehen und die nördliche Grenze sehen, das würde ich gerne, all die seltsamen Tiere beobachten, die dort herumlaufen, aber nicht ein ganzes Leben lang auf eine Bedrohung warten, um dann „Alarm!“ zu schreien.
Vor allem hat Vela ja das Talent zur Mechanikerin. Auch wenn die Zahnräder den ganzen Raum über und hinter ihr ausfüllen, sie behält irgendwie den Überblick, zumindest meistens, und weiß, an welchem Ende der Kette sie ziehen muss.

Königsschlüssel Illustration 8Boris Koch: Das ist ein unangenehmer Bursche, dem ich nicht begegnen möchte: ein Stachelscharrer. Lebt unterirdisch, kriecht durch verzweigte Höhlensysteme und ist ganz und gar nicht so klein und niedlich, wie man denken könnte. Eher das Gegenteil, und zudem stets hungrig und hartnäckig. Da seine langen Stacheln hier und da über die Steinwände schaben, hört man ihn mit etwas Glück schon frühzeitig kommen.

Kathleen Weise: Die Gefahr, dass ich dem Stachelscharrer begegnen würde, ist relativ gering, denn ich würde gar nicht erst in eine enge Röhre kriechen, die nur nach unten führt. Da ist die Platzangst ja vorprogrammiert!

Königsschlüssel Illustration 9

Kathleen Weise: Das Bild hat was von David und Goliath. Vela und Cephei sind nun einmal Kinder, und im Gegensatz zu anderen Figuren aus Jugendbüchern besitzen sie keine besonderen magischen oder physischen Kräfte, nur ihren Mut und ihren Verstand. Sie sind eigentlich ziemlich normale Teenager, und beweisen so, dass man nicht außergewöhnlich sein muss, um Stellung zu beziehen oder Abenteuer zu erleben. Was man vor allem braucht, ist Entschlossenheit, und davon besitzen Kinder oft noch recht viel – zum Glück.

Boris Koch: Dem kann ich nicht viel hinzufügen. Vielleicht noch, dass auch ein wenig Glück nicht schaden kann, aber das kann man ja manchmal auch erzwingen, wie es so schön heißt.
Im Buch selbst läuft der Text auch zwischen der Figur rechts und den beiden links hindurch, wie überhaupt einige der Illustrationen richtig organisch in den Text eingebunden wurden. So auch das nächste Bild.

Königsschlüssel Illustration 10Boris Koch: Hier geht die Geschichte zum Beispiel in weißer Schrift im unteren dunklen Teil des Bildes weiter, im ausufernden Umhang des mechanischen Königs. Es dürfte nicht viele Bilder von Fantasyherrschern geben, deren Krone an einen schwarzen Irokesenschnitt erinnert. Das sollte einen aber nicht zu falschen Schlussfolgerungen verleiten, der mechanische König ist kein wilder Punk, sondern – wie die Bezeichnung schon sagt – mechanisch.

Kathleen Weise: Natürlich sind Vela und Cephei am Ende ihrer Reise nicht mehr dieselben wie am Anfang und vieles ist nicht so, wie sie es sich vorgestellt haben. Aber das gehört eben zu jedem großen Abenteuer hinzu, am Ende hat man eine Menge blauer Flecken, aber man ist auch ein bisschen weiser. Die beiden haben so einiges über sich und die anderen gelernt, und wir können ziemlich sicher sein, dass es nicht das letzte Abenteuer ist, zu dem sie aufbrechen, dafür sind sie viel zu neugierig. Sie sind einmal bis ans südliche Ende des Landes gelaufen, aber wer weiß schon, was im Osten oder Westen noch auf sie wartet …