Zurück in die Uralten Metropolen - Christoph Marzi ist Schlaflos in »Somnia«








Und dann lernte ich Scarlet Hawthorne kennen …

Ein Interview mit Christoph Marzi über »Somnia« und die Uralten Metropolen

von Natalja Schmidt

Was war es für ein Gefühl, erneut in die Uralten Metropolen zurückzukehren?

Nachdem ich »Lumen« beendet hatte, waren erst einmal alle Geschichten, die mir im Kopf herumschwirrten, erzählt. Darüber hinaus hatte ich kein Bedürfnis, die Geschichte Emily Laings immer weiter und weiter zu spinnen. Die Gefahr, sich zu wiederholen, war zu groß. Erst als Martina Vogl, meine Lektorin, anfragte, ob ich vielleicht eine Möglichkeit sähe, noch eine Geschichte aus der Uralten Metropole in die Kurzgeschichtensammlung »Nimmermehr« hineinzupacken, begann ich über eine Rückkehr in diese Welt nachzudenken. Dabei war mir aber von Anfang an klar, dass diese Rückkehr (sollte ich sie ernsthaft ins Auge fassen) gleichsam ein richtiger Neuanfang sein sollte. Also begann ich, eine Geschichte über Mr. Fox und Mr. Wolf zu schreiben, die dann ins Stocken geriet (die Geschichte wurde zur Hälfte geschrieben und zur Hälfte nicht). Dafür lernte ich Scarlet Hawthorne kennen. Über Wittgensteins Kind und seine Beziehung zu Rima zu schreiben war eine Idee, mit der ich schon längere Zeit liebäugelte (und für meine Frau bestand ohnehin niemals ein Zweifel daran, dass Wittgensteins Kind ein Mädchen war). Nun ja, so entstand die Kurzgeschichte »Scarlet«, die in dem Kurzgeschichtenband »Nimmermehr« erschienen ist (darüber hinaus findet man dort auch noch die Geschichte »Vardoulacha«, die ebenfalls zur Welt der uralten Metropole zählt). »Scarlet« jedenfalls schrieb sich so schnell, als habe sie nur darauf gewartet, geschrieben zu werden. Das war sozusagen der erste Schritt in die Richtung, die ich einschlagen wollte. Da Scarlet Hawthorne keine zweite Emily ist, war dies genau das, was ich tun wollte. Ich musste einfach Scarlets Geschichte erzählen. Nun ja, und so kam es letzten Endes zu »Somnia«.

Worum geht es in »Somnia«?

Die Ereignisse spielen einige Jahre nach der Kurzgeschichte »Scarlet« (die ja in Minnesota spielt, in einer Stadt namens St. Clouds). Wie auch immer … Scarlet Hawthorne findet sich in New York wieder, am Ufer des Hudson Rivers. Und sie hat keine Ahnung, wie sie dorthin gelangt ist, noch weiß sie, wer sie ist. Sie wird in Ereignisse hineingezogen, die alle etwas mit ihrer Abstammung zu tun haben. In den Straßen New Yorks treiben Wendigowak ihr Unwesen und es gibt Eistote, überall. Die Spuren führen nach Croatoan und in die Sümpfe am Rande des East River. Nun ja, letzten Endes findet sie heraus, womit sie es zu tun hat. Mehr verrate ich an dieser Stelle noch nicht … Es gibt aber starke Bezüge zu den Geschehnissen von Roanoke Island und den Hexenprozessen von Salem.

Tauchen Charaktere aus den bisherigen Büchern in »Somnia« auf?

Einige tun das, einige nicht. Emily Laing wird Scarlet begegnen. Wo diese Begegnung stattfindet und wie sie verläuft … sollte jeder selbst lesen. Ach ja, und noch einige andere Charaktere tauchen wieder auf. Wer das ist? Steht im Buch …

Wie unterscheiden sich New York und London bzw. die Uralten Metropolen dieser beiden Städte voneinander?

London ist eine wirklich sehr, sehr uralte Metropole. New York ist da ganz anders. New York – ich verwende meistens den Namen, den Washington Irving der Stadt gegeben hat: Gotham (verwunderlich, dass man den Namen heute fast nur noch mit Batman assoziiert) – die Stadt an den beiden Flüssen also ist anders, weil sie anders geboren worden ist. Sie ist ein Ort, an dem viele Menschen eine Zuflucht gefunden haben. So viele Kulturen leben dort dicht an dicht, so viele Mythologien, die sich miteinander verweben. Die Stadt ist viel jünger als London, doch die Mythen, die dort leben, sind so alt wie die Ortschaften in der alten Welt Europas.

Wer war das Vorbild für Scarlet Hawthorne?

Da Alan Rickman schon immer mein Vorbild für Mortimer Wittgenstein gewesen war, suchte ich nach jemandem, der im Film Alan Rickmans Tochter spielen könnte. Es sollte jemand sein, der nicht zu glatt daher kommt. Hilary Swank wurde schließlich mein Rollenvorbild. Sie ist Scarlet, definitiv. Und zwei weitere Charaktere hatten Avery Brooks und Margaret Atwood zum Vorbild.

Wie viel hat »Somnia« mit den bisherigen Büchern der Trilogie zu tun? Muss man diese vorher gelesen haben?

Man kann »Somnia« tatsächlich lesen, ohne die anderen Bücher zu kennen. WENN man sie allerdings kennt, wird man sehr oft auf Hinweise treffen, die einen neugierig machen und das, was passiert ist, eher erahnen lassen (und darüber hinaus wird man Mutmaßungen anstellen können, wohin sich das nächste Buch entwickelt). Doch Vorsicht: Scarlet ist ganz anders als Emily. Sie ist älter und erwachsener. Sie ist amerikanischer. Überhaupt ist »Somnia« amerikanischer. Die Stadt Gotham in »Somnia« ist von amerikanischen Autoren beeinflusst worden: Nicholas Christopher, Mark Helprin, Paul Auster, Harper Lee, John Steinbeck, Washington Irving, Herman Melville – um nur einige zu nennen. Es gibt indianische Einflüsse und einen Archivar, der sehr starke Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Avery Brooks hat, ein lebendiges Haus voller Pflanzen, in dem immer Sommer ist, eine ältere Mistress, die in Salem gelebt hatte und Margaret Atwood ähnlich sieht. Es gibt Chrysler-Wesen und andere illustre Gestalten, Hippie-Kommunen und seltsame Ortschaften, die von weit her nach Gotham kamen. Lassen Sie sich überraschen …

Wird es eine Fortsetzung geben?

Ja. Die Fortsetzung trägt den Arbeitstitel »Virginia« und sollte im Juni fertig sein. Heißt: der Roman würde dann zur Buchmesse im Oktober 2009 erscheinen.

Und dann? Wird es wieder eine Trilogie?

Nein. »Virginia« wird der letzte Roman sein, der in die Uralte Metropolen führt. Ganz sicher. Danach begebe ich mich in andere Gefilde.

Können Sie schon verraten, welche Geschichten den Leser nach »Somnia« erwarten?

Wie gesagt, im Oktober 2009 sollte »Virginia« erscheinen. Um die Zeit bis dahin zu überbrücken, erscheint im Frühjahr 2009 die 110 Seiten lange Geschichte »Nightingale« (das ist noch der Arbeitstitel) als kleinformatiges Hardcover, im Januar 2009 das Hörbuch zum letzten Band der Malfuria-Trilogie (erneut gelesen von Andreas Fröhlich) – und im Juni/Juli 2009 ein neues Jugendbuch mit dem Arbeitstitel »The Rooftops of London«. Nach »Virginia« werde ich in Amerika bleiben und etwas über Danny Darcy, Soozie Sutcliffe und Rock’n’Roll schreiben. Es gibt noch sehr wenige Bücher, die Phantastik und Rock’n’Roll verbinden. Erwähnte ich jemals, dass ich Bob Dylan mag? Der Roman sollte so sein wie die Songs von Dylan. Nur phantastisch. Und danach? Es ist etwas richtig Neues geplant, über das ich hier und jetzt aber noch keine Worte verlieren möchte. Manchmal lohnt es zu warten ...

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Links

Feature Mai 2010: Christoph Marzi - »Lyra«
Die Welt der Uralten Metropolen
Website des Autors: www.christophmarzi.de

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Der Autor: Christoph Marzi