Zurück in die Uralten Metropolen - Christoph Marzi ist Schlaflos in »Somnia«








Hungry Heart

Eine Kurzgeschichte von
Christoph Marzi

Die Welt ist kaum mehr als ein Augenblick, zerbrechlich und filigran, nur die verwackelte Aufnahme eines einzigen kurzen Augenblicks, festgehalten in einem Bild, das anzuschauen einem auf alle Zeiten gelingen wird.
Adam Stewart weiß, dass dieser Augenblick jetzt da ist. Er weiß es, als er in die hellen Augen blickt und das rauschende Tosen der See hört.

Als er die Insel betreten hatte, da war ihm schon klar gewesen, dass er hierher zurückgekehrt war, obwohl er niemals zuvor an diesem Ort gewesen war. Es war, als sei seine Seele endlich an dem Ort angekommen, an den sie gehörte. Vielleicht aber hatte seine Seele auch nur hier auf ihn gewartet, ja, vielleicht war es das. Am Ende jedoch, auch das wusste er, war es unwichtig, was er dachte.

Er ist hier.
Jetzt.
An dem schmalen Strand mit den schroffen Steinen und der im Abendschein tosenden Brandung. Weiße Kronen sind auf den Wellen, die laut rauschen wie die Lieder, die ihm im Kopf herumschwirrten.
Die Gitarre hat er nicht mitgebracht. Nicht heute. Er trägt eine blaue Jacke, Turnschuhe. Und wartet. Denkt nach. Sucht nach Worten und Melodien und nach Antworten, irgendwo dazwischen.

Wie lange lebt er jetzt schon hier?
Er weiß, dass es fast ein Jahr ist. Aber es kommt ihm länger vor.

Es war Winter gewesen, als er London verlassen hatte. Schnee hatte die Dächer der Stadt bedeckt. Die klirrende Kälte war überall gewesen. Er war in Heathrow ins Flugzeug gestiegen und kaum drei Stunden später kam er auf der Insel an. Die Luft hatte so anders gerochen als die in London. Nach dem Salz des Meeres und warmer Luft, nach den Pinien und Palmen und den Träumen, an die er schon gar nicht geglaubt hatte. Der alte Koffer, der ihn schon nach Paris begleitet hatte, hatte auf dem Rollband gelegen wie ein Überbleibsel seines alten Lebens, das er soeben abgestreift hatte. Er hatte sich den Koffer geschnappt und war nach draußen gegangen, hatte ein Taxi gerufen und sich in den Norden fahren lassen. Dort hatte er ein Haus gemietet. Die Einnahmen aus den Verkäufen seines ersten Songs hatten ausgereicht, um einige Wochen hier zu finanzieren.

Unterwegs war die Welt an ihm vorbeigezogen. Sein Leben auch. Und er war noch jung.

Toulouse, den er aus Paris kannte, hatte ihm eine Adresse genannt. „Dort wirst du alles bekommen, was du brauchst.“ Bevor das altersschwache Taxi den kleinen Ort im Norden der Insel erreichte, las er erneut den Namen, den er auf einen Zettel geschrieben hatte: Armin Spiegelmann. „Du musst vorsichtig sein“, hatte ihm Toulouse eingeschärft. „Spiegelmann ist der geizigste Sack der Insel.“ Adam gedachte genau das zu tun. Er mietete ein Auto und ein altes Bauernhaus.

Er bezog das Haus, das einsam in den Bergen, die das Dorf umgaben, lag. Er komponierte Lieder, schrieb Noten auf. Er ging spazieren. Er lebte in die Tage hinein.

Dann hatte er Siri kennen gelernt.

„Eigentlich heiße ich Iris“, hatte Siri gesagt, „aber die Welt ist verdreht.“ Sie hatte Bilder gemalt, unten am Strand, wo die Feuerfische tanzen.
Adam war einfach nur spazieren gegangen. So waren sie sich begegnet.
„Ich habe dich hier noch nie gesehen“, hatte sie gesagt. „Du bist Engländer?“
„Aus London. Ich mache Musik.“
„Ich mache dies und das.“
Er hatte das Bild betrachtet: Eine Pinie. Sie war krumm und windschief und krallte sich ganz fest mit allen Wurzeln in die Felsen. Adam sieht das Bild noch immer vor sich. Er hatte sich gefragt, ob er selbst überhaupt Wurzeln besaß. Seine Lieder erzählten etwas andere Geschichten. Es gab nichts, woran er sich festhalten konnte. Außer an seiner Musik.
Kurz kam ihm ein Song ins Gedächtnis.
Hungry Heart.
Er hatte den Song in einer Kneipe gespielt, begleitet von einer Geige. Doch das war lange her.
„Ich weiß, wo man eine gute Tortilla bekommt“, sagte Siri.
„Klingt gut.“
Siri lächelte. „Gehen wir!“

Als Adam auf die Insel gekommen war, da hatten ihn oft Träume geplagt. Er hatte an London denken müssen, an das, was dort vor sich ging. Seltsame Dinge, mit denen niemand gerechnet hatte. Es gab eine neue Regentin in der Stadt, neue Gesetze und vieles mehr und nichts davon gut. Menschen wurden verfolgt und wegen geringster Vergehen eingesperrt. Die beiden mächtigen Häuser, zwischen denen lange Zeit blutiger Zwist geherrscht hatte, waren nun geeint. Doch statt der Freude gab es nur Furcht.
Fast alle, die Adam dort gekannt hatte, waren fort gegangen. Die meisten von ihnen rechtzeitig.

Das Leben auf der Insel war ganz anders als das Leben in der Metropole, der Stadt am dunklen Fluss. Die Menschen hier waren ruhiger. Sie waren wortkarg und freundlich. Nach und nach lernte Adam die Sprache der Einheimischen und mit seinen Kenntnissen der Sprache wuchs auch die Sympathie für die Insel. Eigentlich wollte er hier gar nicht mehr fort. Natürlich gab es irgendwo das Studio, das seine Titel produzierte. In einem halben Jahr mussten noch mindestens sieben neue Songs komponiert werden. Im nächsten Frühjahr würde er auf drei Konzerten der Folkband Dylan’s Dogs die Vorgruppe sein, na immerhin. In den Staaten, in Amerika: New York, Chicago und Denver. Dazu würde er die Insel natürlich verlassen müssen. Aber er wusste schon jetzt, dass er die Rückkehr herbeisehen würde.
Er wusste es, weil er jetzt Siri kannte.
Er hatte es gewusst, als er noch niemanden hier gekannt hatte. Er hatte es gespürt. So einfach war das. Wie ein Wind, der ihm das Gesicht streichelte und seine Augen öffnete, wie der Geruch des Meeres und des Sommers, so hatte er gewusst, dass er sie hier finden würde.
Siri.
Als er ihr über den Weg gelaufen war, da hatte er sie erkannt.

Sie zeigte ihm eine Bar, in der es die beste Tortilla gab, die er jemals gegessen hatte.
„Wo wohnst du?“
Er sagte es ihr.
Dann redeten sie. Adam erzählte von London. Von Paris. Von der Musik, den Texten.
Siri erzählte von der Insel. Sie redeten lange. Und sahen dabei einander an.

Als es Abend war brachte Adam sie nach Hause. Sie wohnte nicht weit vom Dorf entfernt. Die Auffahrt zu ihrem Haus war steinig und holprig und der alte deutsche Wagen, den Adam fuhr, setzte an mehr als nur einer Stelle auf den Felsen auf.
Wie auch immer – er brachte sie nur nach Hause und sie bedankte sich und das war alles.

Das Leben kann einfach und banal sein. Ereignislos. Man glaubt, dass gar nichts passiert, und doch verändert sich die ganze Welt. Man spürt nicht, wie sehr sich alles verändert, weil es so langsam passiert. Worte, Berührungen, Gerüche, Momente.

Wenn er Siri traf, dann fielen ihm neue Songs ein. So einfach war das. Sie war hier aufgewachsen, ihre Eltern waren aus Amerika gekommen, damals. „Sie hatten in einer Hippie-Kommune gelebt“, erklärte sie ihm. Wie gesagt, die Songs kamen wie von allein. Wie das Lächeln in Siris Gesicht mit den Sommersprossen. Wie das Funkeln in ihren Augen. Wie die Melodie, die sie summte, wenn sie nur redete.

Sie zeigte ihm die alte Stadt mit dem Hafen und erzählte die Geschichten von der Göttin Tanit, die einst hier gelebt hatte. Sie machte ihn mit Hippies bekannt und Fischern und Musikern und Künstlern. Sie schenkte seinen Liedern die Worte und die Melodie. Adam wusste, was das zu bedeuten hatte.

Siri war manchmal wie die Insel im Herbst. Wolken zogen schnell auf, weil der Wind sie an den flachen Bergen festmachte. Es wurde kühl und das Wasser in den Buchten kräuselte sich unruhig. Regen fiel entweder spärlich oder richtig wild flutend, es gab selten etwas dazwischen. Doch die Sonne schnitt irgendwann die Wolken entzwei und zauberte das Blau ins Meer zurück. Ja, so war Siri in den Momenten, in denen es Herbst war.

Manchmal fühlte sich Adam, als sei er all die Jahre rastlos umhergestreift. Er hatte in Paris gelebt, im Hotel Absinth, wo die Bohème daheim gewesen war. Er war nach Prag gegangen, weil er geglaubt hatte, jemanden zu lieben. Doch es war nur sein hungriges Herz gewesen, dem er gefolgt war. Einem Rhythmus, der nicht sein eigener Rhythmus gewesen war. Nein, nur ein hungriges Herz, wie es viele gibt. Es hatte ihn auf diese kleine Insel geführt. Hier erst hatte er den Rhythmus verstanden. Weil hier seine Seele wohnte. Sie hatte es schon immer getan. Sie hatte sogar einen Namen.

Siri arbeitete tagsüber in einem kleinen Laden, der alles führte, was die Menschen, die in den Hügeln um das Dorf herum lebten, brauchten. Abends kochte sie in einem Hippie-Restaurant. Feine Speisen, die nach Marokko dufteten und die Träume nach Minze schmecken ließen. Im Winter hatte das Restaurant geschlossen. Im Winter wurde das Leben auf der Insel noch stiller.

Als Adam dann im Frühjahr nach Amerika reiste, fühlte er sich allein. Es war wie eine schleichende Krankheit. New York, Chicago, Denver. Es waren gute Gigs, aber er fühlte sich wie die schlaffe Schlangenhaut, die er in einem Laden in Greenwich sah. Er fühlte sich so, als habe er seine Seele verloren.
Dann flog er zurück.

Seine Seele war noch da. Siri auch.

Nachdem sie das erste Mal miteinander geschlafen hatten, war er zum Fenster gegangen und hatte nach draußen in die mondhelle Nacht gespäht und dem Zirpen der Zikaden gelauscht. In der Ferne, wo sich die Straße ins Tal hinab wand, konnte er die winzigen Lichtkegel eines Autos ausmachen. Dann war er wieder zu Siri gegangen. Als sie einschlief, war er noch wach. Er lauschte ihrem Atem, noch lange.

Jetzt ist er hier. Am Strand mit den weißen Wellen. Es ist Herbst und ein kühler Wind bläst den Sand vor sich her. Sein Agent hat angerufen und ihm ein Angebot unterbreitet. Das Studio hat viel mit ihm vor. Er hat mir Siri darüber gesprochen. Sie wussten beide, was das zu bedeuten hat. Griffin Records befindet sich in Kalifornien. Als er es ihr sagte, da hatte Adam den Herbst und den Winter in ihren Augen erkennen können, mehr nicht.

Das Leben findet jetzt statt. Siri kommt zu ihm. Der Laden hat heute früher zugemacht, weil er das im Herbst immer tut. Es kommen weniger Besucher zur Insel und es gibt nicht mehr viel zu tun. Deswegen ist Siri jetzt hier.

Sie setzt sich neben ihn in den Sand. Am Horizont berührt die Sonne die See. In der Ferne springen Feuerfische aus den Fluten. Sie sehen aus wie Blitze, ganz kunterbunt.
Adam schweigt. Ein Lied kommt ihm in den Sinn. Hungry Heart. All die Jahre hat er geglaubt, es verstanden zu haben. Doch jetzt weiß er, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, worum es in dem Lied geht.
„Wirst du fortgehen?“ fragt Siri ihn.
„Nein, ich bleibe hier.“ Er küsst sie lange. Die Welt ist kaum mehr als ein Augenblick, zerbrechlich und filigran, nur die etwas an den Rändern zerfranste Aufnahme dieses einen Augenblicks, festgehalten in einem Bild, das verwackelt ist wie das Leben selbst. In den Augen, die das Bild betrachten, ist jetzt wieder Frühling und Sommer, niemals Herbst, und schon gar nicht Winter.

Ende

24. Oktober 2008

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Feature Mai 2010: Christoph Marzi - »Lyra«
Die Welt der Uralten Metropolen
Website des Autors: www.christophmarzi.de

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Der Autor: Christoph Marzi