»Sumerki« - Fluch und Segen der Maya
Interview mit Dmitry Glukhovsky zu seinem neuen Roman
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Herr Glukhovsky, Ihr erster Roman »Metro 2033« ist inzwischen ein Bestseller. Nach der Fortsetzung »Metro 2034«, die auf Deutsch 2009 erschienen ist, nun der nächste Roman: »Sumerki – Dämmerung«. Produzieren Sie neuerdings Bücher am Fließband?
Ganz gewiss nicht. An dem neuen Roman habe ich insgesamt drei Jahre geschrieben – »Metro 2033« ist auf Russisch ja schon 2005 erschienen. Ich denke, „Sumerki« ist nicht nur sprachlich ausgereifter als die »Metro«-Romane: Das Buch ist in sich stimmiger, die erzählerische Qualität höher. Kreativität am Fließband? Ich glaube, das ist gar nicht möglich.
»Sumerki« hat ja mit den »Metro«-Romanen so gut wie gar nichts gemein …
Mir war es wichtig, mir selbst und meinen Lesern zu beweisen, dass ich nicht nur eine Art von Buch schreiben kann. Diesmal wollte ich etwas ganz anderes, Neues schaffen, über die Grenzen des fantastischen Genres hinausgehen. Ich will nicht ewig auf die Kategorie »Fantasy-Autor« festgelegt werden.
Und doch ist »Sumerki« eine ziemlich fantastische Geschichte.
Auch »Metro 2033« ist eigentlich mehr als nur der Sci-Fi-Horror-Roman, als der er immer beworben wird. Das ist nur die Maske ist für eine Art Gleichnis, einen Cocktail aus Philosophie und Sozialkritik. Bei »Sumerki« ist das nicht anders: Dieser Roman ist ein Mysterium, eine Metapher, die im Gewand des Thrillers daherkommt. Dass nicht jeder unter dem dicken Make-up das wahre Gesicht des Buchs erkennt, ist etwas anderes. Umso besser …
Am Beginn der Entstehung von »Sumerki« steht ja eine geradezu mystische Begebenheit …
Na ja, fast. Am Anfang des Romans stand zunächst das Bild von einem einsamen, verlassenen alten Mann, der seine letzten Tage in einem mit Fotos vollgeklebten Zimmer verbringt. Auf diesen Fotos ist sein ganzes Leben abgebildet. Es geht um die Idee, dass jeder Mensch eigentlich einen eigenen, unermesslichen Kosmos darstellt. Daraus folgt, dass tagtäglich ganze Galaxien leise und unbemerkt verlöschen. Dieses Bild hat sich dann schnell mit weiteren Details gefüllt, und als mir schließlich die Maya und ihre Prophezeiungen des Weltendes einfielen, konnte ich die Geschichte nicht mehr zurückhalten. Ich hatte gerade »Metro 2033« fertiggestellt, als ich mich bereits an die ersten Kapitel von »Sumerki« machte. (Anm. d. Red.: In Russland ist »Sumerki« noch vor »Metro 2034« erschienen.)
Im Sommer 2007 hatte ich dann fast den ganzen Roman fertig. Nur ein einziges Kapitel fehlte: das letzte, entscheidende. Ich nahm mir drei Wochen Urlaub, um das Buch abzuschließen. Aber mir fehlte die Inspiration, und ich brachte keine einzige Zeile zu Papier. Als ich dann nach Hause zurückkehrte, schickte mich der Sender sofort nach Guatemala. Damals arbeitete ich als Auslandskorrespondent fürs Fernsehen. Ich sollte von dieser IOC-Sitzung berichten, bei der Sotschi als Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014 bestimmt wurde.
Guatemala ist ein einzigartiges Land. Noch heute stellen die Maya rund 70 Prozent der dortigen Bevölkerung. Im Dschungel dieses Landes befinden sich die größten erhaltenen Städte und Tempelanlagen der alten Maya, die in »Sumerki« ja eine sehr wichtige Rolle spielen. Als ich am ersten Tag im Hotel in Guatemala-Stadt meinen Laptop aufklappte, kam sofort der Durchbruch. Innerhalb weniger Tage schrieb ich das letzte Kapitel.
Der Trip nach Guatemala hatte aber noch ein Nachspiel für mich. Zurück in Moskau, machte ich mich zwei Wochen später auf eine Expedition zum Nordpol, gemeinsam mit dem Polarforscher Artur Tschilingarow. Er wollte damals mit zwei Tauchbooten zum Grund des Nordpols hinabtauchen. Schon bald begann ich mich ziemlich schlecht zu fühlen. Zuerst schob ich alles auf die Übermüdung: Ich hatte tagelang durchgearbeitet, und wir waren in großer Sorge, ob die beiden Bathyskaphe vom Grund des Eismeers wieder auftauchen würden. Später glaubte ich, ich hätte die Fahrt auf dem Atom-Eisbrecher nicht vertragen: Wenn so ein Ungetüm durch dickes Packeis fährt, wirst du nämlich durchgeschüttelt wie in der Holzklasse eines sibirischen Regionalzugs.
In Moskau diagnostizierten die Ärzte bei mir eine Virushepatitis, und zwar gleichzeitig A und E, was offenbar nur ganz selten vorkommt. Insgesamt lag ich deswegen anderthalb Jahre in verschiedenen Krankenhäusern herum. Da kommt natürlich der Eindruck auf, als hätte jemand mir zuerst gestattet, »Sumerki« zuende zu bringen, und mich dann dafür bezahlen lassen.
Ein Fluch der Maya?
Fluch oder Segen, das hängt vom Standpunkt ab. Jedenfalls hat diese Reise nach Guatemala mein Leben verändert. Und es mir ermöglicht, einen Schlusspunkt für diesen Roman zu finden.
Stimmt es, dass Juri Knorosow, eine zentrale Figur in der Geschichte von »Sumerki«, tatsächlich gelebt hat?
Juri Walentinowitsch Knorosow war ein herausragender sowjetischer Archäologe. Er hat als erster die Schrift der Maya entziffert. Sein Beitrag zur Wissenschaft ist nur mit dem des Franzosen Champollion vergleichbar, der seinerzeit die ägyptischen Hieroglyphen auf dem berühmten Stein von Rosetta entschlüsselte. Mein Knorosow in »Sumerki« entspricht aber nicht ganz der historischen Figur. Ich musste seine Biografie etwas verändern und sein Privatleben umgestalten.
Gerüchten zufolge soll Knorosow Tagebücher hinterlassen haben, die Ihnen in die Hände gefallen sind …
Kein Kommentar.
Herr Glukhovsky, vielen Dank für das Gespräch!
Links
Arte-Dokumentation zur Entzifferung der Maya-Hieroglyphen (Google Video)
Juri Walentinowitsch Knorosow (Wikipedia)
Der Maya-Kalender (Wikipedia)
»Metro 2033/2034«-Website
Links auf Heyne.de
»Sumerki – Dämmerung«
Der Autor: Dmitry Glukhovsky
