DAS BUREAU

Leseprobe
Verfolgt in den einzelnen Folgen der Leseprobe mit, wie Baron Dejan Sirco und seine Gefährten in den Gefilden der Nacht ermitteln!.

 » Folge 1

Die ungeheuerlichen Ereignisse des Sommers 1909
1. Bratislava und Prag, 4. bis 10. Juni 1909

K&K Departement für Okkulte Angelegenheiten, Bureau Prag,
8. August 1915

Hochverehrter Graf Trubic,

es ist meine traurige Pflicht, Sie über den Tod unseres gemeinsamen Freundes Dejan Sirco in Kenntnis zu setzen, der gestern seinen Verwundungen erlag.

Anbei übermittle ich Ihnen seine Aufzeichnungen der Ereignisse des Sommers 1909 zwecks Archivierung in der Centrale; in Anbetracht der Brisanz des Materials gehe ich davon aus, dass diese Vorgehensweise auch Dejans Wünschen entspricht. Er hatte im übrigen das Dossier mit einer Notiz versehen: »Felix wird wissen, was zu tun ist«.

Ihr ergebener Diener
Mirko Zdar (Leutnant)

K&K Departement für Okkulte Angelegenheiten, Centrale Wien,
11. August 1915

Mein lieber Leutnant Zdar,

auch wenn Dejan und ich – wie Ihnen zweifelsohne bekannt ist – unsere Differenzen hatten, so war er mir doch ein guter Freund, dessen vorzeitigen Tod ich zutiefst bedauere.

Was nun das Dossier betrifft, so bin ich Ihnen überaus dankbar, dass Sie es an mich weitergeleitet haben. Ich gebe Ihnen ganz recht, gerade in stürmischen Zeiten ist es ratsam, Vorsicht walten zu lassen, und doch fühle ich leises Bedauern bei dem Gedanken, dass diese abenteuerliche Geschichte in einem Archiv verschwinden muss.

Talleyrand soll gesagt haben, der ideale Weg eine Wahrheit zu verbergen, wäre, sie offen auszusprechen. In Anbetracht dieser Weisheit stellt sich mir nun die Frage, ob die Aufzeichnungen unseres Freundes nicht tatsächlich am besten zwischen zwei Buchdeckeln aufgehoben wären – als phantastischer Roman.

F. T.

1. Bratislava und Prag, 4. bis 10. Juni 1909

Bratislava, am 4. Juni 1909

Meine teure Esther,
vergib mir, dass meine Antwort auf Deinen letzten, bezaubernden Brief so lange auf sich warten ließ. Dejan, Mirko (den ich heute durch mein Diktat zum Mitwisser mache, da Dejan gegenwärtig im Dienst unseres höchst sonderbaren Auftraggebers unterwegs ist) und ich haben vor einigen Tagen recht überstürzt nach Bratislava reisen müssen: Ein gewisser Graf Mahler hat uns engagiert, die angeblich skandalösen Liebeleien seiner jungen Gemahlin zu beweisen. Nach Tagen intensiver Recherchen steht nun fest, dass besagte Dame unschuldiger ist als ein Lämmchen – jeder Erbauungsroman liest sich pikanter denn ihre Korrespondenz.

Unglücklicherweise haben der Graf und Dejan ausgehandelt, dass wir unsere Gage nur erhalten, wenn es uns tatsächlich gelingt, einen Fehltritt nachzuweisen. In Konsequenz dieser hirnrissigen Abmachung (zu der selbstredend weder Mirko noch ich hinzugezogen wurden), verbringt Dejan nun unproportional viel Zeit damit, der arglosen kleinen Comtesse schöne Augen zu machen. Er hat es nicht anders gewollt.

Ansonsten regnet es seit Tagen fürchterlich; soeben haben wir einen Vormittag damit zugebracht, uns beim Kartenspiel in unserer Herberge zu langweilen. (Welche unsinnigerweise den schönen Namen »Zum Goldenen Gardisten« trägt. Ich bat Mirko gestern, sich bei dem Wirt nach dem Ursprung jener befremdlichen Benennung zu erkundigen, doch dieser hatte das Gasthaus erst vor wenigen Monaten übernommen und konnte sich keinen Reim auf die Namensgebung seines Vorgängers machen.)

Ferner versuchen Mirko und ich, Dejans Launen zu ertragen. Unser alter Freund befindet sich in letzter Zeit in denkwürdig trüber Stimmung – derart gereizt habe ich ihn nicht mehr erlebt seit den Wochen nach seinem Unfall letztes Jahr. Besonders unerträglich gab er sich vorgestern, als wir auf dem entsetzlichen Marktplatz auf den Vagabunden warteten, der uns durch einen nächtlichen Spaziergang über die Dächer ein paar Briefe aus dem Sekretär der Gräfin Mahler beschafft hatte.

Während ich alle Mühe hatte, mich in dem Gedränge vor den Rädern diverser Karren und dem groben Schuhwerk der Marktleute zu retten, der Gestank von halbverdorbenem Gemüse und Fleisch mir grässliche Übelkeit bereitete und ich mich ferner quälte, das dialektbehaftete Idiom der hiesigen Bevölkerung zu verstehen, hielt Dejan mir jenen bewussten Vortrag, den er in diesen Situationen zu halten pflegt.

»Schmiedet denn niemand mehr groß angelegte Ränke?«, fragte er mit tiefer Bitterkeit in der Stimme. »Kaum fährt die feine Gesellschaft in die Sommerfrische, werden wir zu Laufburschen in zweitklassigen Liebeskabalen degradiert. Das ist meine letzte Saison, das schwöre ich dir, bei allem was mir heilig ist. Nächsten Frühling setzen wir uns nach Paris ab, genießen im Kreis der Boheme das sorglose Leben.«

Bei dieser hochtrabenden Rede konnte ich nicht umhin, mir ein leises Lächeln zu gestatten – wie oft hatte er mir bereits in überzeugendster Manier geschworen, dass dieser Tag unwiderruflich der allerletzte sein würde, an dem er Talent und Spürsinn vergeudete als Detektiv im Dienst der Oberschicht.

Und dennoch: Die Tage, an denen Dejan seinen Beruf, nein, vielmehr seine Berufung, verflucht, haben sich in letzter Zeit merklich gehäuft. Ein Umstand, der vermutlich in engem Kontext zu seinem 39. Geburtstag steht, den er letzte Woche wenig feierlich begangen hat. Ich bin mir sicher, Du hast ihn vergessen, meine schöne Esther, und ich bitte Dich inständig, ihn nicht weiter zu erwähnen. Dejan reagiert gegenwärtig recht brüsk, wenn jemand ihn an die Tatsache erinnert, dass er sich mit großen Schritten der ungeliebten Vierzig nähert, und ich fürchte, auch Du bist augenblicklich nicht vor seinem Zorne gefeit. Als er letzte Woche ein ungekanntes graues Haar entdeckte, warf er doch tatsächlich eine Teekanne aus Meißner Porzellan aus dem Fenster unserer Wohnung. Du kannst Dir sicherlich die Befremdung der Nachbarn vorstellen.

Kurz, der Müßiggang bekommt ihm von uns allen am wenigsten. Mirko gibt sich recht pflegeleicht, insgeheim ist er wohl dazu geboren zu privatisieren, und seine Bewunderung gegenüber Dejan ermöglicht es ihm, mühelos über die Launen und Fehler seines Herrn und Meisters hinwegzusehen. (Wenn Du diesen letzten Satz liest, sei Dir bewusst, dass ihm eine exakt neunminütige Diskussion vorangegangen war, in der Mirko mich zu bewegen trachtete, »Freundschaft« anstelle des unschönen Wortes »Schwärmerei« zu schreiben. Dies ist der Kompromiss.)

Wirklich, Esther, ich kann Dich nur bitten, halte Augen und Ohren offen, ob es angemessene Arbeit für uns gibt im heimatlichen Prag. Der Umstand, dass wir unseren Lebensunterhalt momentan mit Aufträgen von enormer Lächerlichkeit bestreiten müssen, ist wahrlich entwürdigend. Ich hoffe von ganzem Herzen auf einen neuerlichen Zwist unter Rosenkreuzern, eine verschwundene Reliquie oder die Rückkehr des Vampirs auf dem Vyšehrad. (Dessen Ausbleiben mich offen gesagt schon seit geraumer Zeit verwundert. Ich war tatsächlich der Meinung, nichts und niemand auf der Welt sei sturer als dieser Nosferatu.)

Nun denn, ich hoffe auf baldige Nachricht von Dir. Küsse die kleine Alena von mir.

Ich verbleibe stets der Deine
Lysander

Liebe Esther,
wenn Lysander sich über Dejans Launenhaftigkeit auslässt, dann wohl nur, um von der seinen abzulenken. Bratislava ist eigentlich gar nicht so kolossal uninteressant. Ich habe Dejan und Lysander bereits beim Kartenspiel einen ganzen Beutel Kronen abgenommen. Tarockieren können sie alle beide nicht, meine Herrn Mentoren.

Heute Nachmittag sind wir bei der Comtesse Mahler zum Tee eingeladen. Als sie erfahren hat, dass der Herr Baron in Begleitung seines armen verwaisten Neffen reist – wie ich diese Rolle hasse –, war sie ganz hin und weg. Und Lysander kommt sowieso mit, als Haustier am schwarzen Samtband, auch wenn er dann wieder den Beleidigten spielt.

Mirko

PS: Auf den Vampir wäre ich schon auch neugierig.

Esther,
nur ein rasches Addendum: Unterstehe Dich, Lysander ein Wort zu glauben. Ich bin geneigt, ihm für seine despektierlichen Reden den Pelz abzuziehen und Dir einen hübschen Muff daraus schneidern zu lassen.

Dejan

Aus den Aufzeichnungen Baron Sircos,
Bratislava, 4. Juni 1909

Tee und Kammermusik in der weitläufigen Stadtwohnung der Comtesse Mahler. In aufpolierter Gardeuniform eines Hauptmanns des 46. K&K-Regiments schritt ich in den in geschmacklosen Rosatönen gehaltenen Salon, gefolgt von Mirko, meinem Neffen für jenen Nachmittag – einem Bild jugendlichen Charmes und Begeisterungsfähigkeit, den hämisch grinsenden Lysander auf dem Arm.

Als geübter Blender und Schauspieler weiß man mit der Zeit genau, wann es von Nutzen sein kann, mit exzentrischer Entourage zu erscheinen, und tatsächlich: Die Comtesse und ihre Gäste – zwei pastellfarbene Freundinnen und ein schnauzbärtiger Jüngling, wohl ein Student oder Leutnant in Zivil – waren hingerissen von unserem farbenfrohen Auftritt. Offiziere, die mit Otter und Neffen mit tragischer Vergangenheit reisten, schienen gesellschaftlich hoch im Kurs zu stehen.

»Welche Freude, Baron!« Mit einer Lebhaftigkeit, die ihre sonst so phlegmatische Art Lügen strafte, begann die Comtesse die Vorstellungsrunde. Ich präsentierte meinerseits: »Mirko Savic, der Sohn meiner unglücklichen Schwester« sowie »Lysander Sutcliffe.«

»Bitte wer?«, machte der Student oder Leutnant, dessen Namen zu merken mir aufs Äußerste widerstrebte, mit beredter Handbewegung.

»Mein Otter«, erklärte ich mit größtmöglicher Selbstverständlichkeit, was den drei Damen entzücktes Gekicher entlockte. Die Chancen standen gut, überlegte ich, während ich mich in taktischer Nähe zu der Dame des Hauses auf dem Sofa niederließ, dass wir auch nach unserem Abgang Hauptgesprächsthema bleiben würden.

Die Unterhaltung drehte sich bald um den Zusammenbruch eines bekannten Bankhauses, den der schnauzbärtige Jüngling schon seit langem vorausgesehen haben wollte, sowie die Pläne für die anstehende Sommerfrische der Comtesse Mahler.

»Es gibt nichts Tristeres als Pressburg im Juli!«, rief sie im Brustton der Überzeugung. »Seit der Graf und ich vor vier Jahren hierhergezogen sind, graut mir vor diesem Monat. Na, Sie werden es ja erleben, Baron. Sie bleiben doch über den Sommer hier?«

»Nun, wir dachten daran, in den nächsten Wochen nach Prag heimzukehren, doch Ihre Beteuerungen der sommerlichen Tristesse hier reizen mich beinahe, diese zu kosten.«

»Prag im Juli ist auch entsetzlich«, verlautbarte die Comtesse.

»Wo kommen’S denn eigentlich her, Baron? Außer vom Balkan, wollt’ ich sagen«, fragte der Comtesse füllige Freundin in Gelb spitz, während sie einen Teelöffel in ihren ausgesprochen unschönen, fleischigen Händen drehte.

»Ich bin in Sarajevo geboren«, antwortete ich ihr wahrheitsgemäß, auch wenn ich stark bezweifelte, dass ich ohne einen steifen Cognac in der Lage sein würde, einen Vortrag über mich ergehen zu lassen, wie langweilig meine Heimatstadt im Juli sei. Ungeachtet meiner langen Lehr- und Wanderjahre oder meines unrühmlichen Abschieds aus Sarajevo dachte ich doch immer noch mit einiger Nostalgie an die Stadt meiner Jugendzeit.

»Der Graf hat ein paar Monate in Ragusa gelebt«, zog die Comtesse Mahler eine recht großzügige geografische Schlussfolgerung. »Es hat ihm dort überhaupt nicht gefallen.«

»Zuviel Fisch und Nationalismus«, warf Mirko ein, der Lysander verstohlen mit ein paar Marzipanstückchen fütterte und unter strafenden Blicken übergangen wurde.

»Der Graf scheint sich außerordentlich viel auf Reisen zu befinden«, bemerkte ich scheinbar absichtslos, während ich mir gestattete, die Comtesse für einen Augenblick eingehend zu mustern. Hübsch war sie gewiss nicht, eine knochige Gestalt mit reizlos glattem, dunkelblondem Haar und plumper Gestik.

»Oh, dazu hat man ja Freunde, dass einem nicht zu einsam wird, nicht wahr, Elli?«, wandte das rundliche Geschöpf in Gelb sich an ihre peinvoll harmlose Freundin, die diese Äußerung auch noch mit einem netten, gedankenlosen Lächeln quittierte.

»So geht es nicht weiter«, setzte ich Lysander und Mirko auseinander, als wir eine Stunde später den Rückweg antraten. »Es ist ein Skandal, dass wir uns das noch antun müssen! Langweilige Damen der Gesellschaft bezirzen und Briefen nachjagen! Ebenso gut könnte ich als Gigolo mein täglich Brot verdienen und Lysander an ein Kuriositätenkabinett verkaufen.«

»Den Teufel wirst du«, zischte Lysander, der gegen den Regen in der weiten Kapuze meines Überwurfs Schutz gesucht hatte und nun wie ein feuchter Pelzkragen um meinen Hals lag.

»Oder ich könnte dich einfach an Aleister Crowley zurückgeben; gewiss hat er seinen Unterricht in magischen Belangen noch nicht für abgeschlossen erachtet, als du deinen Abschied nahmst«, spann ich den Gedanken weiter. »Damit wäre mir zwar finanziell nicht sonderlich gedient, aber ich habe den Eindruck, ich würde mich persönlich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig wohl fühlen.«

»Ich glaube«, wagte Mirko nun einzuwerfen, »wenn zu deinem täglich Brot nicht unbedingt eine Belle-Etage-Wohnung gleich um die Ecke vom Hyberner-Haus und ein Benz zählten, wäre es deutlich einfacher bestreitbar.«

Lächelnd wandte ich mich zu dem Jungen um. Beinahe drei Jahre waren vergangen, seit ich jenen gewitzten kleinen Taschendieb und Gassenjungen in den Strassen von Brno aufgelesen und ihm in weiterer Folge angeboten hatte, bei mir und Lysander in die Lehre zu gehen. Vieles hatte er bisher begriffen und gelernt, nur seine ausnehmend kleinbürgerliche Einstellung zu Luxus und Geld konnte oder wollte er nicht ablegen.

»Erinnere ihn bloß nicht an den Wagen, Mirko«, mischte sich Lysander, ungefragt wie stets, ein. »Sonst ärgert er sich gleich wieder darüber, dass er sich neulich die Startgebühren für die anstehende Grand-Prix-Fahrt in Wien hat leihen müssen.«

»Mit dem Preisgeld allerdings können wir uns in Anstand und Stil eine Zeit lang in einen pittoresken Fleck Provinz zurückziehen und jedweder extravaganter Freizeitgestaltung huldigen, die uns in den Sinn kommt«, führte ich zur Verteidigung meiner Passion an.

Mirko posierte in perfekt gespielter Nachdenklichkeit, die Augen halb geschlossen, den linken Zeigefinger an sein Kinn gelegt. »Oder«, verkündete er nach einer Weile, »wir können dich wie vergangenes Jahr aus einem Trümmerhaufen hervorwühlen. Ich darf erinnern, Esther hat beinahe der Schlag getroffen, als wir dich über und über bandagiert auf einer Bahre heimgebracht haben.«

In dem Gesicht das Jungen spiegelte sich eine kuriose Mischung aus Spott und Sorge wider. Ich wandte den Blick ab. Vermutlich hätte ich seine Bedenken mit einem Lächeln oder einem Scherzwort zerstreuen können, doch ich fühlte, dass ich ihm ein wenig mehr Ehrlichkeit schuldete. In der verhältnismäßig kurzen Zeit, die seit unserer ersten Begegnung vergangen war, hatte Mirko es tatsächlich zuwege gebracht, mich und Lysander als eine Art Familie zu akzeptieren. Vielleicht musste man in einem Waisenhaus einer Provinzstadt aufgewachsen sein, um emotionale Bande zu einem derangierten Abenteurer und einem vor Jahrhunderten verschiedenen Earl, dessen rastloser Geist durch einen magischen Unglücksfall an den Leib eines Fischotters gefesselt worden war, entwickeln zu können. Dennoch: Vaterersatz für den Jungen zu spielen war eine Rolle, die sich nur wenig mit meiner Selbstwahrnehmung sowie charakterlichen Disposition vertrug.

»Dejan? Träumst du?«

Lysander riss mich aus meinen Gedanken. Erst jetzt nahm ich wahr, dass ich mitten auf dem regennassen Gehsteig stehen geblieben war, und das offensichtlich seit geraumer Zeit. »Es tut mir leid«, murmelte Mirko, »den Unfall hätte ich wohl besser nicht erwähnen sollen.«

Der Unfall. Bei dem Grand Prix de Dieppe, letztes Jahr, hatte ich nach einer leichten Kollision die Kontrolle über meinen Wagen verloren und war von der Fahrbahn abgekommen, um an einer Mauer zu enden. Ein Abenteuer, das ich mit mehreren Knochenbrücken und schweren Verbrennungen an linker Hand und linkem Unterarm einigermaßen glimpflich überstanden hatte, auch wenn ich danach monatelang das Bett hatte hüten müssen. Seither trug ich aus Gründen ästhetischer Rücksichtnahme stets einen langen Lederhandschuh an meiner Linken, wenn ich ausging. Mir persönlich jedoch begannen die Narben zu gefallen, waren sie mir doch sowohl Mahnmal der eigenen Sterblichkeit als auch Ausdruck des Umstandes, dass das Schicksal es offensichtlich gut mit mir meinte.

»Ich habe nicht an den Unfall gedacht«, antwortete ich brüsk.

Lysander keckerte boshaft dicht an meinen Ohr. »Oh, natürlich nicht, wie könnte man nur annehmen, dass du nicht freiwillig hier im Regen Wurzeln schlagen willst.« Er hielt einen Augenblick inne. »Ich persönlich glaube ja, dass du jetzt, seitdem du bei dem Rennen in Wien angemeldet bist, sehr oft an den Unfall denkst. Und ich wollte dir lediglich in Erinnerung rufen – von Abenteurer zu Abenteurer –, dass es zuweilen tapferer ist, von Wagnissen zurückzutreten, als sich mutwillig in Gefahr zu bringen. Aber das ist wohl nur die bescheidene, persönliche Meinung eures hochverehrten Haustieres.«

Fortsetzung folgt …

Der Beginn Das Bureau Die Goldenen Stadt Die Autorin