Exklusive Leseprobe
Von allen Fans wird er bereits sehnsüchtig erwartet: Peter V. Bretts Fortsetzungsband zu »Das Lied der Dunkelheit«. Nun dauert es nicht mehr lange, bis »Das Flüstern der Nacht« erscheint, und damit Ihr schon einmal einen Vorgeschmack bekommt, gibt es hier die ersten zwei Kapitel als exklusive Vorab-Leseprobe. Viel Spaß!
Teil 1 | Teil 2
Fort Rizon
333 NR – Winter
Die Stadtmauer von Fort Rizon war ein Witz.
Knapp zehn Fuß hoch und lediglich einen Fuß dick, war die Verteidigungsanlage, die die gesamte Stadt sichern sollte, kümmerlicher als der Schutzwall des bescheidensten Palastes eines Damaji. Die Aufpasser brauchten nicht einmal ihre mit Stahl beschlagenen Leitern; sie sprangen einfach hoch, hielten sich am Rand der winzigen Umfriedung fest und schwangen sich darüber.
»Menschen, die so schwach und nachlässig sind, verdienen es, besiegt zu werden«, meinte Hasik. Jardir brummte zustimmend, erwiderte aber nichts.
Im Schutz der Dunkelheit hatte sich die Vorhut von Jardirs Kriegerelite angeschlichen; der Schnee auf den brachliegenden Feldern, die die eigentliche Stadt umgaben, knirschte unter etlichen tausend Sandalen. Während die Bewohner der Grünen Länder sich hinter ihren Siegeln verkrochen, hatten die Krasianer die von Dämonen heimgesuchte Nacht für ihren Vormarsch genutzt. Selbst Horclinge schlugen um so viele Heilige Krieger einen Bogen.
Sie versammelten sich vor der Stadt, aber die verschleierten Krieger griffen nicht sofort an. In der Nacht attackierte man keine Menschen. Erst als das Licht der Morgendämmerung den Himmel überhauchte, zogen sie ihre Schleier herunter, damit die Feinde ihre Gesichter sehen konnten.
Man hörte ein paar erstickte Laute, als die Aufpasser die Wachen im Torhaus überwältigten, und dann schwangen knarrend die Stadttore auf, um Jardirs Armee einzulassen. Begleitet von einem durchdringenden Gebrüll wälzten sich sechstausend dal'Sharum-Krieger in die Stadt hinein.
Bevor die Rizonaner wussten, wie ihnen geschah, stürzten sich die Krasianer auf sie, traten Türen ein, zerrten Männer aus ihren Betten und warfen sie, nackt wie sie waren, in den Schnee.
Mit seinem scheinbar endlosen fruchtbaren Ackerland war Fort Rizon wesentlich dichter bevölkert als Krasia, aber die Rizonaner waren keine Krieger, und vor Jardirs militärisch gedrillten Riegen fielen sie wie Grashalme unter einer Sense. Wer sich sträubte, erntete Muskelrisse und Knochenbrüche. Die Männer, die kämpften, starben.
Jardir beobachtete all das mit Besorgnis. Jeder Mann, der verkrüppelt oder getötet wurde, konnte im Sharak Ka, dem Großen Krieg, nicht zu Ruhm und Ehre gelangen, aber das war ein notwendiges Übel. Die Männer des Nordens ließen sich nicht in eine Waffe gegen die Dämonenbrut schmieden, ohne sie vorher gestählt zu haben, wie ein Schmied mit seinem Hammer eine Speerspitze härtete.
Frauen schrien, als Jardirs Männer sich in einer anderen Weise an ihnen austobten. Noch ein notwendiges Übel. Der Sharak Ka stand kurz bevor, und die künftige Kriegergeneration musste von Männern gezeugt werden, nicht von Feiglingen.
Nach einer gewissen Zeit beugte Jardirs Sohn Jayan im Schnee vor ihm das Knie, die Spitze seines Speeres von Blut gerötet. »Die innere Stadt gehört uns, Vater«, meldete Jayan.
Jardir nickte. »Wenn wir die innere Stadt in unserer Gewalt haben, beherrschen wir auch die Ebene.«
Sein erstes eigenständiges Kommando hatte Jayan sehr gut gemeistert. Wäre dies eine Schlacht gegen Dämonen gewesen, hätte Jardir persönlich den Sturmangriff angeführt, aber den Speer des Kaji wollte er nicht mit Menschenblut besudeln. Jayan war im Grunde zu jung, um den weißen Schleier eines Hauptmanns zu tragen, aber er war Jardirs Erstgeborener, und durch seine Adern strömte das Blut des Erlösers. Er war stark, konnte Schmerzen ertragen, und sowohl Krieger als auch Geistliche behandelten ihn mit Ehrerbietung.
»Viele sind geflüchtet«, fügte Asome hinzu, der hinter seinem Bruder auftauchte. »Sie werden die Dörfer warnen. Wenn die Einwohner klug sind, ergreifen auch sie die Flucht, um einer Reinigung durch das Evejanische Gesetz zu entgehen.«
Jardir sah ihn an. Asome war ein Jahr jünger als sein Bruder, kleiner und schlanker. Er trug die weißen Gewänder eines dama, keinen Harnisch und keinerlei Waffen, aber Jardir ließ sich nicht täuschen. Sein zweiter Sohn war auf jeden Fall der ehrgeizigere und gefährlichere von beiden, und in dieser Hinsicht kam ihm keiner seiner jüngeren Brüder, von denen es Dutzende gab, auch nur nahe.
»Sie mögen ja entkommen sein«, entgegnete Jardir, »aber sie lassen ihre Nahrungsmittellager zurück und flüchten sich in das weiche Eis, das die Grünen Länder im Winter bedeckt. Die Schwachen werden sterben und ersparen uns die Mühe, sie zu töten, und die Starken werde ich unter mein Joch zwingen, wenn der rechte Zeitpunkt gekommen ist. Ihr habt eure Sache gut gemacht, meine Söhne. Jayan, beauftrage ein paar Männer, geeignete Gebäude für die Unterbringung der Gefangenen zu suchen, ehe sie durch die Kälte sterben. Die Knaben werden für den Hannu Pash ausgesondert. Wenn wir ihnen die Schwäche des Nordens austreiben, können sich einige von ihnen vielleicht über ihre Väter erheben. Die kräftigen Burschen benutzen wir, um sie in den Schlachten zu verheizen, und die schwachen dienen uns als Sklaven. Jede Frau im gebärfähigen Alter darf geschwängert werden.«
Jayan schlug sich mit der Faust gegen die Brust und nickte.
»Asome, gib den anderen dama ein Zeichen, dass sie anfangen können«, ordnete Jardir an, und Asome verbeugte sich.
Jardir sah seinem in Weiß gewandeten Sohn hinterher, der sich auf den Weg machte, um den Befehl auszuführen. Die Geistlichen würden das Wort des Everam unter den chin verbreiten, und diejenigen, die sich weigerten, es von Herzen anzunehmen, würde man mit Gewalt bekehren.
Ein notwendiges Übel.

Am selben Nachmittag wanderte Jardir auf den dicken Teppichen hin und her, mit denen der Boden des Herrenhauses ausgelegt war, das er zu seinem Rizonaner Palast auserkoren hatte. Verglichen mit seinen Palästen in Krasia war es ein schäbiges Domizil, doch nachdem er seit ihrem Aufbruch aus dem Wüstenspeer monatelang in Zelten genächtigt hatte, empfand er es als einen willkommenen Ansatz von Zivilisation.
Mit der rechten Hand umklammerte Jardir den Speer des Kaji, den er benutzte wie einen Wanderstab. Natürlich brauchte er keine Gehhilfe, aber die uralte Waffe hatte ihn in seine derzeitige Machtposition erhoben und befand sich immer griffbereit in seiner Nähe. Bei jedem einzelnen Schritt klopfte der Schaft auf den Boden.
»Abban verspätet sich«, erklärte Jardir. »Selbst wenn er seit der Morgendämmerung zusammen mit den Frauen reist, hätte er längst hier sein müssen.«
»Ich werde nie begreifen, wieso du diesen khaffit in deiner Gegenwart duldest, Vater«, meinte Asome. »Den Schweinefresser sollte man umbringen, allein weil er es gewagt hat, dich anzusehen, und trotzdem nimmst du seinen Rat an, als sei er ein Gleichgestellter an deinem Hof.«
»Kaji selbst übertrug khaffit Aufgaben, für die sie sich eigneten«, versetzte Jardir. »Abban weiß mehr über die Grünen Länder als jeder andere, und ein weiser Anführer muss sich dieses Wissen zu Nutze machen.«
»Was gibt es da zu wissen?« fragte Jayan. »Die Bewohner der Grünen Länder sind samt und sonders Feiglinge und Schwächlinge, nicht besser als khaffit. Sie sind es nicht einmal wert, als Sklaven zu dienen oder in einem Kampf geopfert zu werden.«
»Sei nicht so schnell der Meinung, du wüsstest alles«, ermahnte Jardir ihn. »Nur Everam ist allwissend. Im Evejah steht, wir sollen unsere Feinde kennen, und vom Norden wissen wir nur sehr wenig. Wenn ich diese Leute in den Großen Krieg einbeziehen will, muss ich mehr tun als sie einfach nur zu töten oder zu beherrschen. Ich muss sie verstehen. Und wenn alle Männer aus den Grünen Ländern nicht höher stehen als khaffit, wer wäre dann besser geeignet als ein khaffit, um mir zu erklären, was in ihren Herzen vorgeht?«
In diesem Moment klopfte es an der Tür, und Abban humpelte ins Zimmer. Wie immer war der fette Händler in prächtige, weibische Gewänder aus Seide und Pelz gekleidet – eine auffallende Zurschaustellung von Prunk, mit der er anscheinend bewusst die gestrengen, genügsamen dama und dal'Sharum provozieren wollte.
Die Wachposten schubsten ihn und machten sich über ihn lustig, als er an ihnen vorbeiging, aber sie hätten es nie gewagt, Abban den Einlass zu verweigern. Gleichgültig, welche persönlichen Gefühle man Abban entgegenbrachte, wer ihn behinderte, riskierte es, Jardirs Zorn auf sich zu ziehen, und kein Mann ließ es darauf ankommen.
Der verkrüppelte khaffit stützte sich schwer auf seinen Stock, als er sich Jardirs Thron näherte; trotz der Kälte perlten Schweißtropfen über sein gerötetes, teigiges Gesicht. Jardir musterte ihn angewidert. Abban hatte offenbar wichtige Neuigkeiten, doch anstatt sie zu verkünden, stand er bloß hechelnd und nach Luft schnappend da.
»Was gibt's?«, schnauzte Jardir ihn an, als seine Geduld zu Ende ging.
»Du musst etwas unternehmen!«, keuchte Abban. »Sie verbrennen die Kornspeicher!«
»Was?!«, brüllte Jardir, sprang auf die Füße, packte Abban beim Arm und drückte so fest zu, dass der khaffit einen Schmerzensschrei ausstieß. »Wo?«
»Am nördlichen Siegel der Stadt«, erwiderte Abban. »Von deiner Haustür aus kannst du den Qualm sehen.«
Jardir stürzte nach draußen auf die vordere Treppe und entdeckte sofort die aufsteigende Rauchsäule. Er wandte sich an Jayan. »Lauf hin!«, befahl er. »Ich will, dass die Feuer unverzüglich gelöscht werden, und diejenigen, die dafür verantwortlich sind, soll man zu mir bringen.«
Jayan nickte und verschwand in den Straßen, gefolgt von ausgebildeten Kriegern, die hinter ihm her zogen wie ein im Verband fliegender Vogelschwarm. Jardir drehte sich wieder zu Abban um.
»Das Getreide wird gebraucht, um die Menschen durch den Winter zu bringen«, betonte Abban. »Jedes einzelne Korn. Jede einzelne Krume. Ich hatte dich gewarnt.«
Asome stürzte vor, packte Abbans Handgelenk und drehte ihm den Arm brutal auf den Rücken. Abban schrie auf. »Du wirst nicht in diesem Ton mit dem Shar'Dama Ka sprechen!«, knurrte Asome.
»Das reicht!«, griff Jardir ein.
In dem Moment, als Asome ihn losließ, fiel Abban auf die Knie, legte beide Hände auf die Stufen und drückte seine Stirn dazwischen. »Ich bitte dich zehntausend Mal um Vergebung, Erlöser«, winselte er.
»Deinen feigen Rat, nicht in den kalten Norden vorzudringen, habe ich vernommen«, erklärte Jardir, während Abban wimmernd vor ihm kniete. »Aber ich werde Everams Werk nicht verzögern wegen dieses ...« Er trat gegen den auf den Stufen liegenden Schnee, »Sandsturms aus Eis. Wenn wir Lebensmittel benötigen, nehmen wir sie uns von den chin, die in der Umgebung leben und im Überfluss schwelgen.«
»Selbstverständlich, Shar'Dama Ka«, murmelte Abban, den Mund dicht über dem Boden.
»Du hast viel zu lange getrödelt, um hierher zu kommen, khaffit«, tadelte Jardir. »Ich brauche dich, damit du unter den Gefangenen die Leute heraussuchst, mit denen du Handelskontakte gepflegt hast.«
»Wenn sie überhaupt noch am Leben sind«, erwiderte Abban. »In den Straßen liegen Hunderte von Toten.«
Jardir zuckte die Achseln. »Das ist deine Schuld, du warst zu langsam. Geh hin, befrage die Händler, die du kennst, und mache für mich ihre Anführer ausfindig.«
»Die dama lassen mich noch im selben Augenblick umbringen, in dem ich einen Befehl ausspreche, auch wenn ich in deinem Namen handele, großer Shar'Dama Ka«, gab Abban zu bedenken.
Er hatte recht. Nach dem Evejanischen Gesetz wurde jeder khaffit, der es wagte, von einem über ihm stehenden Menschen etwas zu fordern, auf der Stelle getötet; außerdem gab es viele, die Abban um seinen Platz in Jardirs Rat beneideten und sich über seinen Tod freuen würden.
»Asome wird dich begleiten«, bestimmte Jardir. »Dann bist du selbst vor dem fanatischsten Geistlichen sicher.«
Abban wurde blass, als Asome vortrat, doch er nickte. »Wie der Shar'Dama Ka befiehlt.«
